1997 - Managerkrankheiten
Über unsere Erfahrungen mit Menschen, die für uns den Manager spielen wollten, habe ich ja bereits früher kurz berichtet. Was wir, vor allem in den letzten Jahren der Neunziger, alles so erlebt hatten, schreit aber geradezu nach einer ausführlichen Schilderung.
In meinen 25 Jahren als Musiker habe ich zwei Sorten Manager erlebt. Zum einen die guten. Das sind Menschen, die dafür sorgen, dass die Bands, mit denen sie zusammenarbeiten, größtmöglichen Erfolg haben, die ich engagiert und zuverlässig für die Karriere der Musiker einsetzen und dafür sorgen, dass alle Beteiligten ein gutes Auskommen haben. Nach innen sind diese Manager durchaus kritisch, Schwachpunkte und Versäumnisse werden gnadenlos angesprochen und behoben, um den Erfolg nicht zu gefährden. So wird auch schonmal ein bekannter Schlagzeuger einer sehr großen Band zum Schlagzeugunterricht geschickt, um seine unüberhörbaren Timingschwankungen zu beheben oder gar ein nicht konformes Bandmitglied wegen "unüberbrückbarer Differenzen" in die Betty Ford Klinik zur zeitweiligen Dekontamination abgeschoben. Nach außen sind gute Manager jedoch extrem stachlig, verlieren kein böses Wort über die Band, haben Kontakte, können verhandeln, verteidigen das gemeinsame Konzept, sorgen für gute Tantiemen und Auftrittsmöglichkeiten und schaffen somit geschickt eine Win-Win-Situation, die für alle Beteiligten fruchtbar und gedeihlich ist. Wenn man bereit ist, für den eigenen Erfolg Sekundärqualitäten wie Freundschaft, musikalische Bestimmungsmöglichkeiten, Freizeit oder einfaches Leben über Bord zu werfen, kann man es, entsprechendes Talent vorausgesetzt, mit dieser Kombination sehr weit bringen. Beispiele findet man zuhauf, man sehe nur mal in das CD-Booklet bekannter Bands.
Der andere Mangertypus ist jedoch weitaus häufiger anzutreffen. Da Manager kein Ausbildungsberuf ist, kann sich jeder dahergelaufene Waldschrat den Titel Manager geben und damit auf Menschenjagd gehen. Viele dieser so genannten Manager sehen dabei vor allem den eigenen Profit, nehmen lächerlich hohe Beteiligungsprovisionen und brennen auch schon mal mit dem Kapitalstock der Band durch. Doch nicht jeder Pseudomanager ist nur auf die schnelle Mark aus. Viele legen durchaus eine Begeisterung für die Musik an den Tag, haben aber keine Kontakte, sind selbst noch neu in dem Beruf, wollen sich ausprobieren und die genannten Eigenschaften, die einen guten Manager auszeichnen, entwickeln. Bei solchen Gestalten kann man entweder Glück haben, und es entwickelt sich tatsächlich eine für alle Beteiligten gute Zusammenarbeit, man kann aber auch Pech haben, und es tut sich, außer großen Worten, gar nichts. Daher ist es für jede kleine Band ratsam, Managern, die erst noch welche werden wollen, möglichst klein zu halten, ja keine finanziellen Vorab-Zugeständnisse zu machen und immer ein wachsames Auge auf dessen Tätigkeiten zu halten, am Besten mit wöchentlichem Bericht. Den Schlüssel zur Kasse behält natürlich die Band und Unterschriften und Verträge über 100 EUR benötigen der Gegenzeichnung durch ein vertrauenswürdiges Bandmitglied. Beteiligung gibt’s vom Netto, nicht vom Brutto und wenn viel rumkommt, kann man ja über weitere Sachen reden. Soweit sollte es aber bei uns nie kommen, alle Menschen, die uns managen wollten oder sollten, versagten gnadenlos. Und am lustigsten versagte unser erster Manager.
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verzichte ich darauf, seinen Namen zu nennen, da er, so zeigt zumindest eine schnelle Recherche im Internet, immer noch als Manager unterwegs ist. Mittlerweile muss er sich auch einen gewissen Namen gemacht haben, so zeichnet zumindest seine Referenzliste einige nicht ganz unbekannte Bands. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er sich in den letzten zehn Jahren freigeschwommen und die Pannen, die ihm auf diesem Wege passiert sind, produktiv in die eigene Entwicklung gesteckt, was ja meistens eine ganz gute Idee ist, sonst kommt man ja zu nichts. Und ich vermute ganz stark, dass ihm viele seiner Pannen bei uns passiert sind. Jedenfalls hatte er bei uns ganz, ganz, ganz viel Gelegenheit, etwas zu lernen. Und, so sagen es zumindest führende Pädagogen: Lernen muss weh tun. Und zwar physisch. Ich verweise hier mal auf bekannte pädagogische Zitate wie "Nicht lange drum kümmern, gleich eine zimmern" oder "Jeden Tag ein Klaps dem Sohn, stimmt ihn fröhlich, frisch und fromm." Okay, um an dieser Stelle weiter schreiben zu können, nennen wir ihn einfach mal Sandsack, das passt irgendwie zu der - gottseidank nur verbalen - Kloppe, die er von uns bezog. (Apropos Namen: Daxei haben wir mal den Namen Frühfümpf verpasst, weil er sich in seiner ersten Band, noch vor Lunar Aurora oder Mortuus Infradaemoni, einen Namen gegeben hatte, der zum einen in der typisch schwerlesbaren Black-Metal-Schrift verfasst war und auch im Klartext nicht wirklich einen Sinn machte. Irgendwas wie Wrynphof, oder so. Na ja, bei uns war er halt ganz schnell der Frühfümpf).
Sandsack kam Anfang der Neunziger aus der SBZ (Sächsisch Bewohnte Zone) nach Rosenheim. Er sprach uns eines Abends im Sumpf an, und meinte, er hätte mit seinem Umzug auch seine Event-Agentur nach Rosenheim verfrachtet und war auf der Suche nach Künstlern und Bands, die er managen könnte. Das, was er sagte, klang eigentlich ganz vernünftig, das, wie er es sagte, klang wegen des gewöhnungsbedürftigen Dialekts nicht ganz so gut für unsere Ohren, aber egal, soll er einfach mal machen, dachten wir uns. Da ich in meiner Münchner Zeit schon einige böse Nasefallaktionen von Bands miterlebt hatte, stutzten wir seinen Vertragsentwurf erstmal auf ein für uns erträgliches Maß zusammen. Das Wichtigste war das Ablaufdatum nach zwei Jahren und die nicht-exklusive Vermarktung, denn sonst kann es passieren, dass er nichts tut, und uns sind die Hände gebunden. Schließlich stand ja bald mal die Aufnahme unseren ersten CD an. Im Endeffekt war es von unserer Seite eine ganz klare Sache: Wenn Sandsack was tut, gibt’s Geld, wenn Sandsack nichts tut, gibt’s halt kein Geld und Ärger, aber wir haben keinen Schaden. So haben beide Seiten ausreichend Zeit, sich aneinander zu gewöhnen und die Zusammenarbeit auf ein produktives Fundament zu stellen.
Sandsack kam eine Woche später bei uns im Übungsraum vorbei und hörte sich unseren Kram an. Zu dieser Zeit hatten wir schon einiges an Material, einen 90-Minuten Auftritt konnten wir durchaus bestreiten und viele der Nummern, die auf unsere erste CD Magma wandern sollten, waren bereits geschrieben, so dass wir ihn mit einem ansehnlichen Repertoire beeindrucken konnten. Sandsack zeigte sich auch sehr angetan, von dem, was er hörte, und versprach, möglichst bald mit dem ersten Auftritt wiederzukommen.
Ungefähr einen Monat später war es dann so weit. Sandsack schlug mit schemlischen Grinsen bei uns auf und verkündete uns, dass er es unter großen Anstrengungen vollbracht hatte, einen großen Auftritt auf einem Festival in Stuttgart zu organisieren. Alles wäre bereits fest gebucht, wir müssten nur noch hochfahren und würden dort als hoffnungsvolle Nachwuchsband aus dem bayerischen Rosenheim als drittletzte Band des Abends auftreten. Super! dachten wir. Da sind alle schon warm, wir haben uns derweil im Backstagebereich schon bereit (oder besser: breit) gemacht, kommen hoch und blasen die noch nicht ganz erledigte Menge so dermaßen in die Seile, dass die letzten beiden Bands keine Chance mehr haben, das Publikum noch irgendwie aus der Reserve zu locken. Da können wir endlich mal vor vielen Menschen zeigen, was wir können, denn angekündigt waren ca. 600 Menschen. Natürlich sei auch im Backstagebereich alles vom Feinsten: Catering, Duschen und danach ins Hotel. Geld gibt es natürlich auch entsprechend. Ich glaub, pro Zuschauer war eine Mark fünfzig ausgemacht, davon Transportkosten weg, Sandsack ausbezahlt, es sollten also noch ca. 400 Mark in der Bandkasse verbleiben, was für uns damals purer Reichtum war.
Schnell organisierten wir Anreise und Transport, Sandsack brachte noch einen Mischer mit eigenem Wagen mit, die letzten freien Plätze in den Autos wurden mit Schurl und einigen Frauen besetzt, und schon fuhren wir an einem sonnigen Samstag gen Württemberg.
Das erste Problem passierte schon bei der Anreise. Sandsack wusste nicht genau, wo der Auftrittsort denn genau sein sollte, und so rief er seine Freundin an, die an einem Autobahnparkplatz kurz vor Stuttgart zusteigen und die Vorausfahrt des ersten Wagens übernehmen sollte. Wir anderen sollten im Konvoi hinterherfahren. Erstmal mussten wir an besagtem Parkplatz 45 Minuten warten, bis sich Madame mal dazu bequemte, endlich aufzukreuzen. Naja, egal, wir kommen alle mal zu spät und hatten zu dem Zeitpunkt noch massig Zeit. Danach setzte sich Frau Sandsack ans Steuer und fuhr los - wie eine gesenkte Sau. Ich saß im Wagen des Mischers und hörte ihn nach ca. fünf Minuten nur noch fluchen und schimpfen über diese rasende Wildsau, weil er ihr einfach nicht mehr hinterherkam. Ich wage es an dieser Stelle nicht, ihn zu zitieren, was er ihr alles an Krankheiten und Verwünschungen an den Kopf schmiss, aber der Typ hatte immerhin einen Honda CRX und konnte auch schnell fahren, aber folge mal in der Stadt einem Wagen, der alle(!) Ampelkreuzungen mit gelbem oder besser dunkelgelbem Licht überquert, zwischen den Fahrzeugkolonnen hin und her springt, als ginge es um einen Eintrag ins Guinness-Buch und in dem darüberhinaus die Fahrerin den Blinkerhebel niemals betätigt, weil sie sich ja sonst an dem dort abgesetzten Staub und Spinnweben die Flossen dreckig machen würde. Es kam, wie es kommen musste. Wir verloren sie recht bald aus den Augen und wussten nicht mehr, was wir tun sollten. Also hielten wir am Straßenrand an und überlegten, was wir tun könnten. Auch Michi, der hinter uns im zweiten Wagen fuhr, war entsprechend sauer und philosophierte minutenlang über die stark begrenzte kognitive Kapazität des laktierenden Teils der Menschheit. Handys waren damals noch nicht so verbreitet,von uns hatte keiner eines dieser Dinger. Heutzutage wäre das ja alles kein Problem: Da rufst Du an, schimpfst erstmal eine Minute über ihre cerebrale Schlagseite, lässt Dir dann die Straße geben, wo sie auf uns warten, gibst das dann in dein Navi ein und holst wieder auf. Damals blieb uns echt nichts anderes übrig, als zu warten, den Biervorrat zu leeren und zu hoffen, dass zumindest Sandsack so clever war, seine ihm Zugemutete den Weg zurück zu lotsen, um uns zu suchen.
Nach ca. 30 Minuten kamen sie dann auch tatsächlich des Weges. Wir waren natürlich zu diesem Zeitpunkt schon entsprechend angefressen und deckten die beiden mit einer hier nicht wiedergebbaren Schimpfkanonade ein, bevor wir sie in recht klaren Worten über die wichtigen Tätigkeiten und Pflichten einer Kolonnenführerin aufklärten. Eingeschüchtert setzten sich Sandsack und seine Holde wieder in ihren Wagen und fuhren im Schritttempo, mit kilometerweit vorausgehenden Richtungsanzeigen und zusätzlichen Handzeichen die letzten 5 Kilometer bis zur Halle.
Naja, Halle. Das ganze sah von außen eher aus, wie eine örtliche Dorfdisco mit samstäglicher Jugendclubatmosphäre aus. Egal, wir waren da, insgesamt nur 15 Minuten zu spät und freuten uns schon auf heftigen Metal und was zu trinken. Zielstrebig steuerten wir den Eingang an, um uns beim Veranstalter nun auch persönlich vorzustellen:
"Servus!"
"Wer seid ihr denn?"
"Wir sind die Band aus Rosenheim. Phantom Lord."
"Welche Band?"
"SANDSACK!"
Was sollte das denn? Wir schickten Sandsack vor, und der schaffte es tatsächlich, den Veranstalter davon zu überzeugen, dass er vor einem Monat mal bei ihm angerufen hat und einen Gig beim Festival vereinbart hat. Danach war allerings von Sandsacks Seite wohl nicht mehr viel passiert: Keine Infos, keine Fotos, kein Bandlogo wurde geschickt, keine Vereinbarungen getroffen und so waren alle Anwesenden (der Veranstalter, die 3 Techniker und wir) sehr überrascht ob der Neuigkeiten, dass nun eine weitere Band auf dem Billing des großen Festivals steht. Selbstverständlich stand auch unser Name nicht auf den Plakaten und so wurde noch flugs die aushängenden Poster und Plakate mit einem Edding und der Kleinmädchenschrift des Veranstalters um unseren Namen ergänzt. Sah echt Klasse aus: Oben die Namen der Bands, abgedruckt mit Ihren Logos und Fotos, unten dran in wackliger Schreibschrift: Phantom Lord. Naja, wenn's weiter nichts ist...
Das mit der drittletzten Band stimmte dann sogar, was allerdings vor allem daran lag, dass nur zwei Bands auf dem Festival auftreten sollten. Hmmm. Echt sparsam, die Schwaben. Endlich konnten wir aufladen und durften, nach dem Soundcheck der nach uns spielenden Band, zum Aufbau auf die Bühne. Der ging relativ unspektakulär über die Bühne, so dass wir vor dem Auftritt noch eine Stunde Zeit hatten. Also wollten wir uns in den Backstagebereich verziehen, um vor dem Auftritt noch was zu essen, umzuziehen und uns warm zu machen. So fragten wir den Veranstalter nach den Örtlichkeiten:
"Du, wie schaut's aus? Wo ist den Backstage?"
"Backstage hammer hier nich."
"Und wo sollen wir uns umziehen?"
"Mei, geht’s halt auf Klo, da ist jetzt eh niemand."
"SANDSACK!"
Auch als wir nach dem versprochenen Catering fragten, war die Reaktion ähnlich:
"Du, wo gibt’s denn die Verpflegung?"
"Hmmm. Die anderen Bands haben die Cateringplatte schon ziemlich weggefressen. Ich glaub, eine Wurstsemmel ist noch da."
"SANDSACK!"
Dieses Spiel wiederholte sich noch ein paar Mal. Der arme Sandsack wurde immer kleiner und kleiner, weil alle Minuten er von und herzitiert wurde, um die Sache zu klären und danach den nächsten Einlauf von uns zu erhalten. Dafür hat man ja einen Manager. Der kassiert ja auch 20%, dafür soll der mal was tun. Sandsack wurde also zum Pizzaladen geschickt, auf seine Kosten natürlich, und wir vertrieben uns die Zeit damit, den Einlass abzuwarten und die Horden der Zuschauer zu beobachten, wie sie erwartungsvoll in die Halle strömten. Ganze Völkerscharen erhofften wir uns, die wir mit unserem Set aufwärmen und für die anderen Bands garkochen sollten. Wenn Du sowas richtig anstellst, ist das eigentlich kein Problem. Du brauchst eine gute Setlist, Spaß auf der Bühne und darfst nicht darauf reinfallen, dass nach der dritten Nummer die Reaktionen eher spärlich sind und du darufhin die Lust verlierst: Die Leute kennen Dich ja noch nicht. Einfach weitermachen, nichts anmerken lassen, Spaß haben und mit noch mehr Energie nachlegen. Spätestens nach der Hälfte des Sets haben wir unsere Zuschauer eigentlich immer gekriegt und am Ende waren noch immer alle zufrieden.
30 Minuten nach dem Einlass, wir waren gerade mit unserer Pizza fertig, erschienen tatsächlich auch mal vier zahlende Zuschauer. Das war ungefähr der Zeitpunkt, zu dem wir auf die Bühne sollten. Wir warteten noch 10 Minuten ab, in denen natürlich keiner mehr erschien, und fingen dann doch mal an. Der Set selbst war, trotz der Umstände, recht gut. Der einzige Wehrmutstropfen lag bei Winny. Der hatte nämlich irgendwo den Tremolohaken seiner Gitarre verloren und suchte den während des ganzen Gigs im Kabelsalat auf der Bühne ("Wo ist der Schwengel, Mann!"). Find mal eine schwarze, ca. 15 cm langen dünnen Eisenstange in einem Wust voller schwarzer Kabel. Hoffnungslos. Irgendwann gab er es dann auch auf und spielte den Set ohne Schwengel zuende. Die vier Zuchauer merkten davon nichts, waren recht begeistert und gingen nach dem Gig mit uns noch in den Nebenraum, um Bier zu trinken und Dampf zu plaudern. Dass da schon längst die zweite Band spielte, interessierte zu dem Zeitpunkt keinen der Anwesenden und so musste "Green Molasse", oder wie die Jungs hießen, ganz ohne Publikum auskommen.
Wolfi, vom vielen Schlagzeugen ganz verschwitzt, fragte derweil den Veranstalter nach den versprochenen Duschen.
"Du, wo san denn hier die Duschen?"
"Duschen? Hammer keine. Aber Du kannst Dich auf dem Klo waschen."
"SANDSACK!"
Nach dem Auftritt wollten wir natürlich erst mal unsere Gage und dann ins Hotel.
"SANDSACK!"
"Öh..."
"Hol mal unsere Kohle und dann fahr uns voraus zum Hotel."
"Naja, also das mit der Gage wird schwierig, ihr seht doch, was da los ist... und Hotel... Ihr könnt bei uns pennen..."
Wir leierten Sandsack dann erstmal 150 Mark Spritgeld aus dem Kreuz und beratschlagten, was zu tun sei. Michi war schon ziemlich sauer, der wollte auf jeden Fall direkt nach Hause fahren. Ich schloss mich sofort an. Also luden wir Michis Karre bis zum Rand voll und wollten uns auf dem Weg machen. Dann kam Schurl und fragte, ob er nicht mitfahren könne. Schurl schläft sehr ungern auswärts, weil er dazu seine Schuhe ausziehen müsste, und das gehört zu den Dingen, die der Schurl überhaupt nicht mag. In Bandkreisen kursieren seit langem Gerüchte, was man denn erwarten könne, wenn es einem gelänge, die Füße von Schurl zu Gesicht zu bekommen: Da kamen Vorschläge von völlig behaarten Hobbitfüßen, mockigen gelbgrünen Dämpfen bis hin zu einem weiteren Paar Schuhe, weil Schurl dann einfach Schuhe über seine alten, durchgelaufenen Schuhe anzieht, damit er die alten nicht ausziehen muss. Ich war 2007 mit Schurl auf Kreta, dort natürlich auch beim Baden und muss feststellen, dass das alles nicht stimmt. Der Typ hat relativ normale Füße mit ein paar schwarzen, dicken Griechenhaaren auf den Zehen, aber das war's dann auch schon. Leider hat er mir verboten, sein Foto in Camouflage-Badehose zu veröffentlichen, sonst könnte ich das hier und jetzt beweisen.
Jedenfalls wollte Schurl auch mit nach München genommen werden. Wir zeigten nur kurz auf das Auto und meinten: Sorry, Schurl, aber da passt Du beim Besten Willen nicht mehr rein. Das ist der einzige Kombi, den wir dabei haben, also müssen wir in dem Teil transportieren, was geht. Vor allem die großen Verstärker und die Gitarren bringen wir woanders niemals unter. Das stimmte sogar. Schurl zeigte nur auf eine kleine Lücke im Wagen und meinte nur: Da ist doch noch Platz. Der angesprochene Platz bestand aus einer ca. 1,50m langen und 30 Zentimeter breiten Spalte zwischen den Gitarren. Platz? "Schurl, da passt Du niemals rein!" - "Nein, das passt schon!", sagte Schurl, vergrößerte die Lücke durch das Verschieben einiger Koffer noch um ein paar Kubikzentimeter und schob sich dann liegend in den so entstandenen Raum. So lag er nun, eingekeilt zwischen Verstärkern auf den Gitarrenkoffern knapp unter der Decke und meinte nur: "Schaut, was hab ich gesagt, es passt doch."
Wir fuhren also los. Unterwegs fragten wir Schurl alle 10 Minuten, ob es noch geht und ob wir eine Pause machen sollen. Der arm Kerl konnte sich ja keinen Millimeter rühren, dagegen ist ein Sarg ja ein Cyberdome. Der konnte sich ja nicht mal irgendwo am Kopf kratzen oder sich umdrehen. Schurl meinte nur "Nönö, des geht scho!", lag die kompletten zweieinhalb Stunden in seinem engen Schlupf und schlief irgendwann ein. Von der Aktion rührt übrigens der geflügelte Ausdruck "Schurl ist gnadenlos". In München schob er sich dann, wie als ob nichts gewesen wäre, aus seinem Versteck und trottete, nachts um 3, nach Hause, um noch ein bisschen zu pennen.
Die anderen nächtigten dann wirklich bei Sandsacks Freundin im Wohnzimmer auf dem Boden und erfreuten sich dort an Winnys Gesabbel (Wenn Winny mal loslegt, gibt es für gewöhnlich kein Halten bis die Sonne aufgeht). Er erzählte ihnen die ganze Nacht aus irgendwelchen Filmen oder ähnliche Sachen, wie er es immer so macht, wenn er genügend gesoffen hatte. Auch der Gesang kam nicht zu kurz. Während andere Sänger nach ihrem Auftritt erstmal die Schnauze voll haben, fängt unser Winny, wenn er genügend Geiß intus hat, erstmal an, richtig warm zu werden. So ein Vorgruppenauftritt von ca. 45 Minuten bedeutet halt fü ihn so ein bisschen warmsingen. Die anderen freute es natürlich sehr. Während sie - ziemlich erfolglos - versuchten, zu schlafen, wurden sie mit lustigen Gesängen von Metallica, Blind Guardian, Helloween, Onkel Hotte oder ähnlichem unterhalten, bis Winny um ca. 5 Uhr dann doch mal beschloss, selbst an der Matratze zu horchen. Als Frühaufsteher war er natürlich ab 6 Uhr schon wieder aktiv und musste erst mal aus Klo. Beim Aufstehen hat er die zu tief hängende schmiedeeiserne Lampe in der offensichtlich von Zwergen bewohnten Behausung natürlich mit seinen zugeklebten Augen total übersehen. Der Gongschlag und das darauffolgende "Au, Krutzifix! Wer hat das Scheißteil so tief gehängt" weckte dann alle auf. Winny machte dann erstmal einen Gang zum Metzger, um ein ordentliches Bauernfrühstück zu erstehen (vor allem Speck, Bauch und viele Eier), danach fuhren sie wieder zurück nach Rosenheim. Sandsack haben wir seit diesem Tag nicht wieder gesehen.
Unser zweiter Manager war Edi, der Bassist von Wayward. Die Jungs kannte ich von Charlie, mit dem ich in München neben Phantom Lord ca. 5 Jahre in unserer Band Aiming High gespielt hatte. Das Ganze war eine sehr gute Gruppe, wir spielten Hardrock und Metal (eher so in die Priest-Richtung) und hatten live mit ungefähr den gleichen Problemen wie mit Phantom Lord zu kämpfen. Also haben wir das Ganze nach fünf Jahren still beendet. Häppl, unser Sänger singt jetzt bei "The fucking World of Benny and Bernd", Michi machte gar nichts mehr (bis ich ihn bei Models Inc. wieder anwarb) und Charly stieg fest bei seiner zweiten Band Wayward ein. Wayward war schon einige Schritte weiter als wir, spielten größere Konzerte - natürlich viel öfter - und waren alle durch die Bank extrem nette Jungs. Gemanagt wurden sie von Edi, ihrem Bassisten, der mir irgendwann mal eine Zusammenarbeit mit Phantom Lord anbot. Wir einigten uns schnell auf einen ähnlichen Vertrag, wie wir ihn damals mit Sandsack abgeschlossen hatten und starteten eine eher unspektakuläre Zusammenarbeit. Herausgekommen sind zwei Konzerte in München. Das erste als Vorgruppe von Wayward im Rock-Café München, was eigentlich sehr gut lief und eine erfolgreiche Zusammenarbeit versprach. Aber bereits nach dem zweiten von Edi organisierten Konzert sollte die Kooperation schon wieder zu Ende sein.
Dieses Konzert sollte stattfinden im Stage, einem kleineren Schuppen unweit der Theresienwiese, auf dem gerade zeitgleich das Münchner Oktoberfest stattfand. Da wir natürlich wussten, das sich ohne Werbung keine alte Sau blicken lässt, kam Edi auf die Idee, das wir ca. 1000 Flyer produzieren und diese vor dem Konzert am Samstag in den Bierzelten an betrunkene Oktoberfestbesucher verteilen sollten. Also zog ich mit Michi, Winny und Wolfi im Schlepptau um 15:00 Uhr los auf die Theresienwiese und verteilten dort in den diversen Bierzelten unsere Werbezettel, vorzugsweise an das ganze langhaarige Gesocks, das dort herumlungerte und an die betrunkenen Amis, Australier und Italiener. Natürlich versprachen ca. 200 Leute, dass sie auf jeden Fall vorbei schauen zur "Big Metal Party". Es kamen tatsächlich auch welche: Genau vier Amerikaner fanden sich um 21:00 Uhr im Stage ein und verzogen sich sofort an die Bar, um dort weiterzusaufen.
Egal, wir starteten unseren Auftritt. Kurze Zeit später zogen sich die Amis eine Couch direkt vor die Bühne, setzten sich hin, prosteten uns zu und sahen sich das Spektakel an. Winny kam sehr schnell drauf, dass die Jungs mit unseren bayerischen Bieransagen ziemlich überfordert waren und übergab die Rolle des Hosts sehr schnell an mich ("Mach Du, Du kannst besser Englich"). Mir war's wurst, dann sag ich halt was zu den einzelnen Songs, und so erblickten herrlich minderwertige Ansagen das Licht der Welt ("Hello USA" oder "I think, each one of us got his own fan."). Eigentlich war' klasse, weil die vier Beulen ihren ureigenen Spaß mit uns hatten und wir nach dem Auftritt mit ihnen auch. Geld gab's natürlich keins, aber wir verbuchten den Auftritt als netten Ausflug nach München und waren eigentlich nicht wirklich sauer wie damals in Stuttgart.
Nach diesem Konzert schlief auch die Zusammenarbeit mit Edi ein. Irgendwie passten wir nicht zueinander. Wenigstens gab es, im Gegensatz zu Sandsack, kein böses Blut, keiner hat was gesagt, es kam einfach nicht mehr von uns und von ihm. Mit den Wayward-Jungs versteh ich mich heute noch glänzend und darf mittlerweile auf ihren CDs immer die 1-2 Gruntparts einsingen, die sie als Intro oder Outro zu ihren Songs hinzukomponieren. Ich frag mich nur, wie sie das live umsetzen :-)
Heute arbeiten wir mit Werner als Manager. Oder besser gesagt: Nicht. Es ist wieder das Gleiche: Auch Werner kriegt seinen Hintern nicht wirklich in die Luft. Er beantwortet die E-Mail-Anfragen, indem er sie ungelesen an mich weiterleitet ("Das könnte wichtig sein, kümmer dich mal darum."), redet ständig davon, das er mal mit einem von uns auf die Piste will, um bei den Wirten Auftritte anzugraben (statt, dass er selber fährt) und erzählt immer, wie toll wir sind und dass er natürlich alles für die Band machen wird, aber im Moment kommt er einfach zu gar nichts. Inzwischen ist es uns Wurst; solange er live mit Verstärker schleppt und wir über ihn ablästern können (natürlich in seiner Gegenwart), passt es schon.
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Höhöhö, sehr lustig das Ganze, da werden wieder Erinnerungen wach. So sauer wir damals wahren, so lustig war es im nachhinein betrachtet auch wieder. Das hatte doch schon beinahe was von Spinal Tap.
Es ist eigentlich erstaunlich, das wir, die wir bekanntlich zu Faul sind uns nach Auftrittsmöglichkeiten umzusehen uns immer sogenannte Manager suchen, die in dieser Beziehung noch fauler sind als wir selber.
Vieleicht sollten wir uns wirklich mal nach jemanden umsehen, der etwas ambitionierter an die Sache herangeht, denn wir selber kommen doch, wenn wir ehrlich sind kaum mehr vom Sofa hoch, geschweige denn in eine Lokalität, in der ein Auftritt herausspringen würde.
Bei einigen von uns, (und auch bei mir selbst vor allem) ist es Familientechnisch von wegen Frau und Kind zuhause, auch einfach nicht mehr moglich, auch wenn der Wille durchaus vorhanden währe, sich so umfangreich auf die Piste zu begeben, wie es zum anleiern von Gigs und zum knüpfen der notwendigen Kontakte nötig währe.
An den musikalischen Qualitäten kann es nicht liegen. Ich glaube, und das ganz nüchtern auch ohne rosa Brille betrachtet, das wir uns live auch hinter Profibands nicht zu verstecken brauchen, und einigen von diesen Rockstars sogar ziemlich das Fürchten lehren könnten. Bis jetzt haben wir live immer überzeugen können, ( das Open-Air vorm Blackout mal ausgenommen, wo wir alle, und vor allem ich, Rotzbesoffen waren und wo von Haus aus der Wurm drin war, und sogar da sind wir nicht schlechter angekommen als die anderen Bands) und das selbst bei Leuten die eigentlich gar nicht auf Metal stehen, vor allem nicht in der Härte in der wir ihn normalerweise spielen. Das Problem ist eigentlich nur, dass uns außerhalb von Altbayern keine alte Sau kennt!
Ich will ja gar nicht 30 mal im Jahr spielen, das würde bei den meisten von uns auch Problematisch werden, und außerdem bin ich der Meinung dass einen dann irgendwann auch der eifrigste Fan nicht mehr hören will, da müsste man dann schon sehr viel weiter weg fahren, und ich habe wirklich keine Lust, für nen´Appel und n´Ei den ganzen Krempel quer durch Deutschland zu karren, das müsste dann schon ein Supportjob für eine bekannte Band sein, mit kleinem Equipment, versteht sich, aber so 5 bis 6 mal währe schon anstrebenswert.
Stay Metal!