1996 - Erste Auftritte in der neuen Besetzung
Seit nunmehr fast zwei Jahren probten wir nun also in der neuen Besetzung. Wolfi kannte inzwischen die meisten Lieder, so war es an der Zeit, uns mal über Auftritte Gedanken zu machen. Eigentlich ist es ja so, dass erste Auftritte unausweichlich in Chaos münden. Jeder Musiker kann ein Lied davon singen: Alles, was irgendwie besonders sein soll (Erste Auftritte einer neuen Tour oder mit neuer Besetzung, Jubiläumsauftritte, Auftritte, zu denen ganz wichtige Leute mit viel Geld kommen sollen), versemmelt man unter Garantie, das heißt die Auftritte werden, wenn nicht zu einer vollen, dann doch zumindest zu einer mittleren Katastrophe. So waren wir entsprechend gewarnt. Und was machen wir? Wir versemmeln den zweiten Auftritt, den sonst niemand versemmelt. Aber alles der Reihe nach.
Was Phantom Lord neben unseren musikalischen Qualitäten besonders auszeichnet, ist Faulheit, genauer gesagt: Auftrittssuchfaulheit. Schau ich mir andere Bands an, erkenne ich folgendes Muster: Es wird ein Plan geschmiedet, wer von den Jungs welche Wirtschaften abgrasen muss, bis wann, mit wem er reden soll und wieviel Gage er raushandeln soll. Das Ganze strategisch vermerkt in einem Einsatzplan, in dem für den Einzelnen Spielfenster freigehalten sind, die derjenige gefälligst mit Auftritten zu füllen hat. Das Ganze wird natürlich in bandinternen Teamsitzungen reflexiv besprochen, die Strategien verfeinert und optimiert. Das eigene Verhandlungsgeschick wird durch viel Erfahrung und durch gegenseitigem Austauschen von Erkenntnissen immer weiter verbessert. Oder man macht gleich Nägel mit Köpfen, und beschäftigt einen Manager, der die oben genannten Auftritte übernimmt, und dafür 20% der Nettogage einstreicht. Manche nehmen auch 20% der Bruttogage, so dass die Band die Kosten für Bus, Roadies, Anlage, Mischer und Catering alleine zahlen darf und so am Ende gar nichts mehr in der Bandkasse bleibt. Eine gute Metal-Band schafft so im Jahr gerne mal 20-40 Auftritte. Schau ich mir hingegen uns an, erkenne ich folgendes Muster: Es wird angeprangert, dass man mal Auftritte besorgen müsse. Dann wird beschlossen, dass wir irgendwann mal rausfahren werden, um mit den Wirten zu reden wegen eines Auftritts. Jaja, heißt es dann, das machen wir sicher. Manchmal zickt noch einer rum, von wegen, dass es jetzt wirklich mal Zeit wird, wir haben dieses Jahr erst einmal gespielt, und er hat bald keinen Bock mehr und so weiter. Und überhaupt. Irgendwer bequemt sich einer von uns, einen Wirt aufzusuchen und vielleicht mit einem Auftritt zurückzukommen. Tja, so kommen wir im Jahr auf durchschnittlich drei Auftritte.
Das mit dem Manager haben wir auch schon probiert. Nach dem mittlerweile dritten dieser Gestalten vermute ich fast, dass die Faulenzia Phantom Lordum ansteckend sein muss. Was haben diese Typen nicht alles getönt, was sie uns an großen Auftritten beschaffen und wie groß sie uns rausbringen wollten. 50 und mehr Auftritte im Jahr könnten sie uns besorgen, wenn wir das möchten. Das Ganze vor 100en von willigen Fans und Groupies, mit Anlage und Hotel und feinstem Catering. Ich war durch meine Münchner Zeit allerdings schon ein bisschen erfahren, was die Versprechungen der ganzen Windeier im Managergewand, die nichts reißen, aber der Band die komplette Kohle abzocken. Was ein Manager wirklich leistet, wie ein Manager wirklich arbeitet, durfte ich einige Male in der Szene erleben. Nicht für eine Million würde ich diesen Job machen wollen. Das ist ein extrem unangenehmer Scheiß-Job, bei dem man keine Skrupel haben darf, überall das Arschloch raushängen lassen muss (die Doppeldeutigkeit lasse ich jetzt mal unkommentiert, denn sie trifft zu!) Einmal habe ich erlebt, als der Manager eines bekannten deutschen weiblichen Metalstars die komplette (damals sehr bekannte und verkaufsstarke) Vorgruppe aus ihrer eigenen Umkleidekabine rausschmiss, weil in dieser Kabine eine Dusche war und das Fräulein Star sich zu fein war, über den Gang zur Toilette des Clubs zu gehen. Auch sehr geil war ein Gespräch zwischen Manager und der Zeitschrift Metal-Meier: "I mecht, dass meine Jungs jede Woch irgendwie im Metal-Meier erwähnt werden. Wos kost des?" - "Nein, das können wir nicht, also, journalistische Freiheit, Sie verstehen..." - "Red ned so bläd, wos kost des?"
Aufgrund dieser Erfahrungen haben wir den Menschen, die sich bei uns als Manager versuchen wollten, erstmal die Verträge ein wenig zusammen gestutzt: Geld gibt’s nur vom Netto, und auch nur, wenn Du was anbringst, nix da mit Grundgehalt, arbeite erst mal, dann sehen wir weiter. Dass da natürlich nicht immer die allerbesten Gestalten am Start waren, war ja klar. Für viele waren wir die erste oder zweite Band. Motiviert waren sie alle, aber spätestens nach einem halben Jahr ging die Motivation sehr den Bach runter. Auftritte? Funfack: Einer in zwei Jahren. Edi: Immerhin zwei in einem Jahr. Ansonsten: Große Worte, viele Versprechungen, eine Menge "Mach ma alles" und nicht viel dahinter. Und auch Werner, unser derzeitiger Manager, schwebt inzwischen selig schlummernd auf der Woge der Vergesslichkeit. Haaaaargh! Aber dazu später. Konstatiert werden kann: Alle drei Auftritte, die uns unsere insgesamt drei Manager zu Tage gefördert haben, waren, jeder für sich, eine Katastrophe. Ich werde diesen drei Auftritten noch ein eigenes Kapitel widmen. Darauf freu' ich mich jetzt schon.
Es blieb und bleibt uns nichts anderes übrig, als uns selbst um unseren Scheiß zu kümmern und Auftritte zu vereinbaren. Meistens rafft sich ja irgendwann einer auf und tut was. So auch für unseren ersten Auftritt mit der Phantom Lord-Besetzung, die bis heute - plus Holli natürlich - Bestand hat. Unser damals noch sehr junger, unbekümmerter und von unserer Faulenzi noch nicht zur Gänze infizierter Schlagzeuger Wolfi war irgendwann gar nicht mehr zu bremsen vor Energie, und wollte unbedingt spielen. Da durfte er natürlich gleich mal ran und sollte zusehen, dass er uns eine Möglichkeit besorgt, in der wir spielen können. Und tatsächlich kam er zwei Wochen später mit der erfreulichen Nachricht an, dass wir in Dettendorf, beim Schupfawirt auf der dortigen Livebühne und einem Saal für 250 Zuschauer gerne auf Eintritt minus 20% für den Wirt und keine Beteiligung am Getränkeumsatz spielen könnten. (Das mit den 20% ist eher nicht normal, eigentlich reicht dem Wirt der Getränkeumsatz, denn eine gescheite Band zieht so viele Leute, dass er deutlich mehr verdient, als mit seinem üblichen Stamm von alten, zitternden und lallenden Säufern.) Das ist doch schon mal was. Eine Woche später fuhren wir gemeinsam runter und schauten uns den Auftrittsort an. Und tatsächlich schien alles in Ordnung: Ein großer Saal, sogar mit Balkon für die Fans, die nicht im Gewühle und Gepoge den metallischen Tod sterben wollten, schöne breite Bühjne, das Ganze in einem alten, umgebauten Stadel - alles in allem eine ideale Location für den ersten Auftritt.
Als Vorgruppe verpflichteten wir Silent Mind, die zweite Band von unserem Michi, in der, neben Michi, auch Great und der heutige Rosenheimer Szenefotograph Steve Reeves ihre musikalischen Wurzeln geschlagen haben. Silent Mind war damals ein sehr gute, unstressige Band aus lauter netten Kerlen, zu deren Auftritte ich damals immer gerne hingepilgert bin. Bitch from B.A. ist immer noch einer meiner Lieblingstitel, eine punkig angehauchte Hasstirade auf strafzettelschreibende Blauhühner, das ganze ohne Reflexion, tiefere Gedankengänge oder Berücksichtigung des jeweiligen Kontextet, dafür mit viel sinnloser Gewalt und Zerstörung wie in den alten Tom und Jerry-Filmen. So gefällt das. Gerade das raue Charisma des nach außen gerne sehr kantig und gewaltbereit auftretenden Great, der aber innerlich eine sehr einfühlsame Seele ist (heute steht er einem Charity-Bikerclub als Präsi vor), war live immer eine Erfüllung. Das konnte also nur lustig werden - außer natürlich für Michi, der in zwei Bands auftreten musste und so gut und gerne auf 3-4 Stunden Spielzeit kommen sollte.
Als Mischmeister haben wir den Kurtl gewinnen können. Kurtl war der Inhaber unseres Musikalienladens "Music-Land", bei dem wir alle damals gern gesehene Gäste waren ("Wooos, nur oa hohe E-Saiten? Heit host es aber wieder gnädig."). Ich knechtete ja immer noch meine Bassschüler Samstags bei ihm im Keller und hatte ab und zu die Ehre, hinter der Theke stehen zu dürfen, wenn Kurtl wieder mal nach heftigem Dauereinsatz nicht aus den Federn kam. Von daher hatten wir alle einen sehr guten Kontakt zu ihm und er tat uns so manchen Gefallen. Kurtl klopfte damals in der völlig unbekannten Band "Die Derbys", die eigentlich nur dadurch ihre Warhol'schen 5 Minuten Ruhm abgeholt hatten, dass sie den Bundesligasong für die Spielvereinigung Unterhaching schreiben und aufnehmen durften. Das Ding war so göttlich schlecht ("Halleluja, mir san do! Halleluja, des is doch klar, Jeder weiß es ganz genau, Halleluja, mir san Rot-Blau!"), dass es sogar der DSF für die Serie "Neues aus Unterhaching" innerhalb der Sendung "Bundesliga Aktuell" als Titelmelodie verwendete. War wohl eher ironisch gemeint. Humpf.
Von Kurtl sind so manche Anekdoten überliefert, die meist im Zusammenhang mit alkoholischen Ausschweifungen stehen. Legendär ist sein wöchentliches Frühstück um 5 Uhr früh im Happy O (es gab immer Tortellini mit Schinken-Sahne-Soße), das er ohne Rücksicht auf seinen Zustand oder die seiner Begleiter immer pünktlich am Samstag als krönenden Abschluss des Abends einnahm. Nur einmal nicht, da war er auf Diät ("Toml, ich mache grade Diät. Die so genannte Pils-Kaffee-Diät. Also so viel Pils, bist nimmer kannst, dann an Kaffee, damits d' wieder kannst, dann wieder so viel Pils, bist nimmer kannst, dann an Kaffee, damits d' wieder kannst und dann wieder Pils. Das ganze eine Woche lang und Du hast 7 Kilo abgenommen."). Ihm traue ich das durchaus zu.
Mittlerweile ist er ausgewandert und macht in Südafrika Musik. Von einem Tag auf den anderen war er weg und man hörte nur die verschiedensten Gerüchte, die ihn zu diesem Schritt gezwungen hatten. Mit der Zeit wurden diese Gerüchte immer tollkühner. Man munkelte von einer zweistelligen Zahl unehelicher Kinder, dunklen Geschäften mit der Russenmaffia oder 20 Frauen, die alle das ihnen gegebene Eheversprechen gleichzeitig einlösen wollten. Ich persönlich glaube, dass er es einfach satt hatte, für nichts und wieder nichts zu schuften und kein Bein auf den Boden zu bringen, denn letztendlich war er ein viel zu gutmütiger Kerl, was dazu führte, dass ihn alle permanent ausnutzten.
Kurtl besserte seinen schmalen Geldbeutel mitunter durch Jobs am Mischpult und durch Anlagenverleih auf. Das konnten wir natürlich beides brauchen und so verhandelten wir mit ihm und erbettelten von ihm einen Spitzenpreis für seine Dienste. Von der Seite her war also alles klar.
Brauchten wir also nur noch eine Stagehand, die dafür sorgt, dass Gitarren, denen live eine Saite reißt, Toms, Mikroständer oder Sänger, die gerne mal über die Bühne purzeln, müssen möglichst schnell wieder einsatzfähig sein. Dafür sorgt im Allgemeinen eine erfahrene Stagehand, die das Problem erkennt, überlegt und zielsicher handelt und das Chaos schnell und unauffällig beseitigt, so dass der Zuschauer im Idealfall nichts merkt. Natürlich ist es für jede Band gut, dass so eine Stagehand mit der Band gemeinsam Erfahrung sammelt und immer besser wird. Mittlerweile haben wir ja mit unserem bewährten Dreamteam Fred, Werner und Schurl ein paar tüchtige Helfer, die die schweren Koffer zum Bus schleppen, mit einladen und aufbauen und live schauen, dass größere Katastrophen nicht zu größten anzunehmenden Unfällen werden.
In Dettendorf (muss ich noch dazusagen, wie der Auftrittsort intern genannt wurde? Muss ich? Nein!) haben wir den Gabor, einen alten Spezl vom Michi, gefragt, ob er für uns das Stagehanding übernimmt. Gabor ist selbst Musiker und weiß, wie es auf der Bühne zugeht. Was konnte also noch schiefgehen? Normalerweise alles, denn, wie bereits erwähnt, baut jede Band bei wichtigen Live-Auftrittn einen kompletten Spinal Tap. Also legten wir los wie die Feuerwehr, intern zu allem Bereit. Ich hatte ja vor dem Auftritt meine paranoiden Wahnvorstellungen bereits mehrmals angesprochen, da ich von allen Mitgliedern durch viele Auftritte mit Münchner Bands und inzwischen auch mit Nosh, bei denen ich ein Jahr vorher eingestiegen bin, ein wenig mehr an Liveerfahrung. Also predigte ich noch und nöcher vor den kleinen Dingen, die Live alles so passieren und erzählte die kompletten zwei Wochen vor dem Auftritt jeden Tag die lustigsten Anaktoten aus meiner Münchner Zeit. Überraschenderweise lief der Auftritt trotzdem sehr gut, es waren bei diesem ersten Auftritt tatsächlich nur vier Dinge, die schief gelaufen sind:
Zum einen riss Michi an seiner Gitarre tatsächlich eine Saite. Ist auch kein Problem, denn er hat ja, wie es sich gehört, seine zweite Gitarre dabei. Leider war es an diesem Tag draußen sehr kalt, so das der Saal mit einem Gasgebläse warm gehalten werden musste. Dieses stand rechts neben der Bühne und irgend so ein Vollhonk - ich kann nicht genau sagen, wer es war - stellte beim Aufbau Michis Zweitgitarre ca. 2 Meter vor dieses Gebläse, so das sie zwar nicht Feuer fing, sich aber so dermaßen verzog und verstimmte, dass kein einziger gerader Ton heraus kam. Und wie es der Teufel will, war es wieder der Song vor "Phantom Lord", bei dem Michis Gitarre kaputt ging und es war wieder bei "Phantom Lord", genauer bei Michis Akustikteil, als er und auch alle anderen es merkten. Das Ding jaulte wie eine läufige Chiwawa, die gerade vom Neufundländer des Nachbarn als Objekt der Begierte auserkoren wurde und harmonierte so gar nicht mit dem Gesang von Winny. Gabor versuchte inzwischen verzweifelt, Michis Gitarre neu zu besaiten und kaum drei Songs später hatte er es geschafft. Michi ist ja inzwischen Kummer gewöhnt und nahm das Ganze deutlich lockerer als in Traunreuth. Ich überlege heute noch vor jedem Auftritt, welche lustigen Sachen man mit seiner Gitarre anstellen kann, damit er nicht aus der Übung kommt.
Zweitens unterbrachen zu Beginn des Sets drei überraschende Stromausfälle unseren Set. Wahrscheinlich war die dünn gesicherte Hausanlage für unser wattstarkes Auftreten nicht wirklich geeignet. Jeder, der das schon mal erlebt hat, kennt das: Man spielt vor sich hin, von hinten drücken die Verstärker und man wird von der Lautstärke schön am Rücken durchmassiert. Plötzlich geht das Licht aus und man hört nur noch ein langsamer werdendes Klopfen des erstaunt dreinblickenden Schlagzeugers. Dann wuseln unten alle Techniker wie angestochen in der Gegend herum und versuchen, den Fehler zu finden. Je nach Ursache kann sowas schon mal bis zu 5 Minuten dauern, in Einzelfällen auch länger. Auch unsere erste Störung war ein wenig länger. Winny kante das Spiel ja schon von der Traunreuther Gitarrenpanne, so dass er ziemlich souverän gemeinsam mit mir ein paar lustige unplugged-Trinklieder anstimmte, und so de Stimmung im Publikum gekonnt aufrechterhielt. Störung Nr. 2 und Nr. 3, die kurz danach auftraten, hatten die gleiche Ursache, so dass Kurtl uns diesmal sehr schnell wieder mit frischem Wechselstrom versorgen konnte. Beim dritten Mal schaltete er ein paar der Bühnenstrahler unter dem Schlagzeug aus, somit gab es bis zum Ende keine weitere Störungen.
Das dritte war meine Live-Taufe mit der Band. Neue Mitglieder werden bei uns traditionell mit Sekt überschüttet und angezündet, äh, müssen den restlichen Sekt trinken und dabei dürfen sie schön besoffen werden und den restlichen Auftritt im Rausch genießen. Geil! Darauf freute ich mich riesig. Nicht auf das Überschütten, das muss man einfach aushalten, aber das ungestrafte Spielen unter Alkoholeinfluss, sich vollends zum Horst machen, rumfallen, lallen und falsch singen, ohne, dass danach einer schimpfen kann, weil sie ja selber dran schuld sind, dass es soweit kam - herrlich. Winny besorgte auch eine 2-Liter Magnum Flasche schönsten Rüttelsberger Stiefeltritts, um meine Live-Taufe gebührend zu feiern. Den ersten Auftritt mit Sodom habe ich ja leider nicht mitmachen können dank meiner Münchner Eskapaden, der Auftritt mit Terminator zählt nicht, kam ich also 10(!) Jahre nach der Bandgründung zu meinem ersten Phantom-Lord-Auftritt. Boah! Kurz vor dem letzten Song des ersten Zugabenteils holte mich Winny zu sich und gab dem Publikum bekannt, was jetzt folgen sollte. Ich stellte meinen Bass in die Ecke und mich in Pose und Winny brachte es irgendwie fertig, innerhalb einer Sekunde die komplette Flasche über meine Birne zu kippen und mir nichts mehr, nicht das kleinste Rinnsal, zum Trinken übrig zu lassen. Wahrscheinlich hatte er die Flasche einfach zu schnell in Richtung meiner Birne geschwenkt, so dass die Kohlensäure die komplette Ladung Sekt über mein prosaisches Haupt verteilte. Verzweifelt öffnete ich den Mund, hob die Flasche über den Kopf, aber nur ein kleines letztes Tröpfelein floss noch über den Rand der Flasche und benetzte meine Zunge. Heul!
Das vierte war gar nicht so lustig: Great war live dermaßen begeistert über die vielen Zuschauer und vor allem über deren Enthusiasmus, dass er sich seine Taschenfalten blutig sang und nach dem Auftritt unmittelbar ins Krankenhaus musste. (Für Nicht-Musiker: Die Taschenfalten sind stimmlippenähnliche Wülste, die direkt über den echten Stimmlippen liegen. Sie sind normalerweise nicht an der Stimmbildung beteiligt, ein erfahrener Metal-Sänger nutzt sie aber, um dem Ton eine dreckige Färbung zu geben. Alle Grunt- Brüll- und Squeek-Geräusche werden direkt von den Taschenfalten erzeugt. Nur unerfahrene Sänger machen dies mit ihren eigentlichen Stimmbändern und sind ein Jahr später keine Sänger mehr) Great konnte danach über ein Jahr nicht mehr richtig singen und Silent Mind gab es nicht mehr lange - ich vermute mal, genau deswegen. Schade, Jungs, Ihr wart große klasse!
Abgesehen von diesen Zwischenfällen war unser erster Auftritt sehr gut. Das sollte sich beim zweiten Auftritt gewaltig ändern. Unsere Anlaufstelle dafür war natürlich der Keller. Besser gesagt: Der Sound-Keller. Markus, seit mehreren Jahren unser Stammwirt im Sumpf, hatte vor ein paar Monaten den brachliegenden Pernloher Keller übernommen und ihm - höchstwahrscheinlich auch wegen unserem ständigen Genöle, dass der Name Pernloher Keller Tradition hat und dass er ihn wieder so nennen soll - den schönen Namen Sound Keller gegeben, damit wenigstens das Wort "Keller" an die alten Zeiten erinnern soll. Wir dankten es ihm durch häufigen Besuch und tüchtigen Umsatz, allerdings, das muss man auch dazusagen: Sumpf plus Perlohner Keller ist gleich Sound Keller - diese Gleichung ging nicht ganz auf. Die Butze war vergleichsweise enttäuschend, blieb zeitlebens schlecht besucht und war auch schon ein Jahr später wieder von der Bildfläche verschwunden. Schade.
Jedenfalls ließ Markus sich breitschlagen, uns im Sound Keller auftreten zu lassen. Auf was er sich da eingelassen hatte, konnte er zwar möglicherweise ahnen, schließlich kannte er alle von uns seit mehreren Jahren, aber diese Chaosveranstaltung war dann doch eine gewaltige Nummer schlimmer, als er sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen konnte. Denn wir waren von unserem ersten Auftritt so hochgeputscht, dass wir uns über den zweiten Auftritt keine großen Gedanken mehr zu machen glaubten. All meine wohlgemeinten Augurenvorhersagen waren nicht eingetroffen, den Leuten hatte es sehr gefallen, wir bekamen nur positive Kritik - was sollte da noch schiefgehen. Also verzichtete ich auf meine bekannten Ansprachen und gab meine guten Ratschläge lieber den Vögeln zum Fressen.
Wir trafen uns pünktlich um zwei Uhr beim Michi, um unser Gerödel ins Auto zu wuchten. Mit dabei hatte ich zum ersten Mal unseren neuen Roadie: Den Schurl. Der Schurl heißt eigentlich Georgios, kommt aus Kreta, wohnt in München und ist ungefähr einen halben Kopf größer wie der Daxei oder eine Parkuhr. Ich kenne ihn bereits seit 1990, als ich mir in München einen neuen Computer zulegte und der Schurl als Faktotum des Computerladens mir die Kiste nach Hause schleppte. Schnell freundeten wir uns an und unternahmen in den nächsten Jahren so einiges. Als ich ihn fragt, ob er uns beim Auftritt helfen möchte, sagte er sofort zu und war seit dem Zeitpunkt, wann immer es ihm möglich war, dabei und half uns - meistens unentgeltlich.
Erwähnenswert ist auch die Geschichte, wie Schurl zu seinem Spitznamen kam. Schurl liebt Vögel und hat daher immer 5-7 Wellensittische zu Hause rumfliegen,die ihm die Wohnung vollkacken und gerne an den heiteren Gesprächsrunden teilnehmen. Das Ganze sieht in der Praxis so aus: Schurl und ich lümmeln auf der Couch und gucken uns irgendeine WWE-Klitsche im Fernsehen an, saufen Bier und bemühen uns, nicht einzupennen. Alle 5 Minuten kommt ein Vogel herangeflogen, setzt sich vor uns auf den Tisch und erzählt uns lautstark, was in den letzten 5 Minuten alles geschah. Dass er dabei nicht noch lehrermäßig den rechten Flügel hebt, sich die Brille auf der Nase zurecht rückt und seine Ausführungen mimisch unterstreicht ist schon alles. Wir waren jedenfalls immer bestens informiert, was in der Vogelwelt so alles passiert und wissen jetzt, dass Vögel ein echt interessantes Leben haben. Wenn man beim Schurl zur Toilette geht, fliegen mindestens drei dieser bunten Kerle mit ins Bad, setzen sich auf die Duschvorhangstange oder auf den Spülkasten und geben Dir Noten - natürlich erst nach ausgiebiger Beratung untereinander.
Irgendwann so um 1991 muss es gewesen sein, da schauten wir uns "Mundl - ein echter Wiener geht nicht unter" an. Dort gibt es eine Szene, in der Mundl mit einer Mutter folgenden Dialog führt:
Mundl: Ah geh, wia haast jetzt des Kind?
Frau: Äh, Georg...
Mundl: Schurl? So haast bei uns da Vogel, da Kanari, da Wöönsitich, verstehns?
In dem Moment kam der Vogel wieder herein. Ich schaute Georgios an, schaute den Vogel an, schaute wieder Georgios an und bekam dermaßen einen Lachflash, dass ich 5 Minuten keine Luft mehr bekam. Georgios schaute hingegen eher bedröppelt. Ich keuchte nur: "Schurl..." - und seitdem heißt der Schurl Schurl.
Schurl ist ein Phänomen. Er ist permanent am Schimpfen über die Schlechtigkeit der Welt, möchte jedem, der ihn nur schief anschaut, am liebsten sofort eine reinhauen, allerdings ist er auf der anderen Seite wieder so gutmütig, dass er diese Vorhaben niemals zur Ausführung gelangen lässt, im Gegenteil: Er lässt sich mit Freuden selbst verdreschen. Sein Traum war (und ich glaube, er ist es immer noch) nämlich, Profiwrestler zu werden. Um für diesen Beruf gut vorbereitet zu sein, trainierte er öfter im Lager des Computerladens mit seinem Arbeitskollegen. Dieser Arbeitskollege war ungefähr einen Kopf größer wie der Schurl, regelmäßiger Besucher des Fitnessstudios und kampfesmäßig eine ziemlich linke Bazille. Die Trainingskämpfe führten also regelmäßig dazu, dass Schurl Tische, Stühle und Leitern über die Rübe gemangelt bekam, durch aufgestellte Holzplanken flog und ca. 50 Neonröhren auf seinem Kopf zerschlagen wurden. Lustigerweise war es immer sein Kollege, der nur austeilte und nie einsteckte, der aber immer nach dem Training ins Krankenhaus musste: Mal hatte er das Innenleben einer zerschlagenen Neonröhre in eine Wunde am Bein gebracht, was ihm eine offene Wunde für ein Jahr bescherte, die übelst nach Verwesung stank, mal schnitt er sich mit einer Glasscherbe eine Sehne halb durch und so weiter. Nur Schurl trug, außer ein paar Beulen und Schnittwunden durch den unangebrachten Einsatz von Stacheldraht und Reiszwecken an seinem Körper, keine schlimmeren Blessuren davon, und das, obwohl ausschließlich er die Prügel einsteckte.
Schurl begann schon sehr früh damit, mich bei meinen Fahrten nach Rosenheim zu begleiten. Damals probten wir immer Donnerstags und ich musste am Freitag wieder nach München in die Arbeit, so dass Schurl bequem ins Auto hüpfen konnte und danach wieder vor seiner Tür abgesetzt wurde. Eines Tages bat er mich, ihm für seine anstehenden Wrestlingkämpfe eine Eintrittsmusik zu schreiben. Coole Idee, ich wollte so was ja schon immer machen, weil ich der Meinung bin, einige unserer Lieder (z.B. Pedal to the Metal) könnten sehr gut einen martialischen Kämpfer auf dem Weg zum Ring in eine schön aggressive Grundstimmung versetzen. Nun also was für Schurl. Wir fuhren gerade über die Kuppe des Irschenbergs, als er mit seinem Vorschlag kam, also sagte ich zu ihm: "Schurl, dann halt einfach mal 15 Minuten das Maul, dann kriegen wir es schon hin." in den 15 Minuten von Irschenberg bis zum Probenraum schrieb ich die kompletten Strophen, den Prechorus und den Refrain, außerdem die Begleitung und die Iden fürs Drumspiel. Die schwerste Aufgabe war, das alles in meinen geschundenen Zerebralkrümmungen zu behalten. Am Proberaum angekommen, entschuldigte ich mich mit einem kurzen Murmeln, verzog mich ins Nebenzimmer-Lager und schrieb das komplette Teil runter. 7 Minuten später kam ich zurück und verkündete: Jung, wir haben ein neues Lied. Mighty Schurlossos, als Entrancenummer für den Schurl. Er hat das Ding zwar nie benutze, denn zu einem weiteren Kampf sollte es nicht mehr kommen, trotzdem ist das Lied richtig gut geworden und wir spielen es noch immer gerne auf jedem Konzert, weil es einfach ist, jedoch knallt, wie Sau. Es stimmt schon, wie es immer heißt: "Ein gutes Lied ist wie ein gute Pils. Beides dauert 7 Minuten".
Letzten September habe ich übrigens endlich eine Idee wahr gemacht, die Schurl und mir schon seit Jahren im Kopf herumgeistert: Wir fahren mal gemeinsam nach Kreta. Seit diesem Urlaub nenne ich die Insel nur noch: Die Insel der 1000 Onkel. Unglaublich, wie viel Verwandtschaft ein einziger Mensch haben kann. Und jeder Onkel musste natürlich besucht werden, und bei jedem Onkel stand sofort, je nach Tageszeit, der komplette Tisch voll nahrhafter Speisen und Getränke und wir durften nicht eher aufstehen, bis wir uns so vollgegessen hatten, dass wir blaue Punkte vor den Augen hatten. Ein Wahnsinn. Und alles natürlich von erlesenster Kretischer Qualität, da sind sie genau. Nix vom Festland, nix aus Übersee, alles gute einheimische Ware. Berge von Omletts, Salaten, Lämmer, Hühnern, Gemüse, Käse und Obst türmten sich auf den überforderten Tischen. Wir kamen aus dem Essen nicht mehr heraus. Und wenn man das Essen mit roten Backen, glänzenden Augen und nur noch dem Wort "Määäh" auf den Lippen, legt ein Onkel einfach mal selbst Hand an und platziert das vierte Stück Lamm eigenhändig auf deinen Teller mit den Worten "Du musst doch gerade erst aufgewärmt sein". Natürlich gab es deutlich mehr Onkel als Essenszeiten in diesen zwei Wochen. Und wo die nächsten 10 Kilometer kein Onkel neben der Strecke wohnte, da war es ein Cousin oder ein Bekannter, der einen Kaffee hat. Da wurden wir immer mit riesigem Hallo empfangen, nur unter Tränen wieder laufen gelassen und während unseres Aufenthaltes gemästet, gehegt und gepflegt. Einmal wurde für uns sogar ein Schaf geschlachtet, damit er die Ankunft von Verwandtschaft und Freunden mal so richtig feiern konnten. Und immer wurde Raki oder Krassi gereicht. "My Big Fat Greek Wedding" ist nur ein müder, amerikanisierter Abklatsch der kretischen Wirklichkeit. Es war einfach nur noch geil, diese zwei Wochen. (Und musste natürlich sofort in einem Lied verewigt werden: The Isle of the Thousand Uncles.)
Eine Sache war auch noch sehr lustig: Den Schurl kann man ja getrost als einen stark behaarten Menschen bezeichnen. Jeder seiner Hornfäden wird gehegt, verteidigt und ja um alles in der Welt nicht abgeschnitten. Das führt dazu, dass Schurl im Laufe der Jahre ein Aussehen angenommen hat, das mit dem Wort "Wurzelsepp" recht gut beschrieben ist. Das ca. 1mm dicke Griechenhaar schlängelt sich frohgemut über sein dichtbewachsenes Haupt, sein ungetrimmter Vollbart ragt ihm bis unter die Achseln, gerüchteweise sind auch andere Stellen seines Körpers wohlbepelzt. Wer seiner Cuticula zu nahe kommt, kriegt unmittelbar die schlimmsten drakonischen Bestrafungen angedroht. Allerdings hat Schurl nicht mit dem Griechischen Staat gerechnet. In Griechenland ist nämlich Wahlpflicht. und da sein Ausweis genau 2 Tage nach Einreise ablief, musste er sich einen neuen machen lasen. Das geht in Griechenland ganz einfach: Man gehst auf die örtliche Polizeistation, nimmt einen Zeugen mit, der bestätigt, dass man der ist, für den man sich ausgibt, und bekommt 5 Minuten später seinen neuen Ausweis. Allerdings braucht man dazu ein aktuelles Passfoto. Alle Verwandten erblickten darin die Chance, den Schurl mit Hilfe dieses Passfotos zu einer Rasur zu überreden. Seine Mutter, seine 1000 Onkel, alle erzählten ihm, dass man für ein Passfoto rasiert sein muss. Zumindest die Wangen müssen frei sein. Wir haben also den nächsten Frisör aufgesucht. Dort schilderte Schurl sein Problem und durfte sich auch gleich auf den Stuhl setzen. Dort wurde ihm vom Bart so viel weggenommen, das die Wangen frei waren. Der Frisör hatte seinen Spaß, ich natürlich auch, nur Schurl nicht, weil am Boden mindestens 1 m³ seines Barthaars lagen und ich das Ganze natürlich von allen Seiten mit der Kamera festhalten musste. Nach der Rasur fragte ihn der Frisör, warum er denn um Himmels Willen so eine Scheißrasur haben wollte. Es sah wirklich nicht sehr geglückt aus. Eher so die Kategorie Goatee mit Zwergenspitzbart. Schurl erklärte ihm die Problematik, woraufhin der Frisör den nächsten Lachanfall bekam und ihn anschließend aufklärte, dass seine Familie ihm wohl einen kleinen, bepelzten Bären aufgebunden hätten. Schurl musste auch nichts zahlen für die Rasur, wahrscheinlich hatte der Frisör seinen persönlichen Tag des Jahres. Als ihm auch der Hauptmann auf der Polizeistation die Version des Frisörs bestätigte, war Schurl den restlichen Tag nicht mehr ansprechbar.
Aber zurück zum Auftritt. Als Soundtechniker und Anlagensteller haben wir natürlich wieder auf den Kurtl zurückgegriffen. Der kam auch brav die vereinbarten zwei Stunden vor Auftrittsbeginn an, trug sein Zeug herunter und dann war die Bühne, also die heutige Tanzfläche des Blackouts gerammelt voll. Wo um Himmels Willen sollen da noch Zuschauer stehen? Wir zogen unsere Sachen so weit es irgendwie ging nach hinten und schafften es gerade so, dass noch zwei Reihen an Menschen über die Gesamte Bühnenbreite Platz fand. So konnten wir immerhin ca. 20 Leuten unsere Show direkt präsentieren, der Rest musste sich in die Ecken des Sound Kellers verkriechen und hoffen, zumindest akustisch noch einiges mitzubekommen.
Danach kam der Soundcheck. Wie der Winny ja schon geschrieben hat, entwickeln Gitarrenverstärker erst in ca. 3 Meter einen richtig guten Sound. Da war aber auch schon die gegenüberliegende Wand, denn wegen der Dach- oder besser Gewölbeschräge mussten wir unsere Amps sehr weit in die Mitte des Raumes rutschen. Kurtl bekam den Soundbrei überhaupt nicht in den Griff und bat uns, die Amps immer noch weiter runter zu stellen, also leiser zu machen. Nun killt das Leisermachen eines Verstärkers nicht nur dessen Lautstärke, sondern auch dessen Sound. Ein gewisses Niveau benötigt jeder Amp, sonst klingt das, was noch aus den Boxen kommt, wie ein müdes Wimmern eines kleinen Rehkitzes auf Drogen. Hier war guter Rat wirklich teuer. Macht man die Amps lauter, knallt zwar der Sound, verbreit aber den kompletten Raum, weil dieser nun mal viel zu klein ist, um den Klang des Verstärkers richtig zur Entfaltung zu bringen. Wenn man zu leise macht, killt man den Sound und es klingt genauso scheiße. Kurtl und wir probierten geschlagene zwei Stunden rum, und nervten uns gegenseitig mit immer wilderen Vorschlägen: Was im Endeffekt heraus kam, stellte niemand so richtig zufrieden, aber irgendwann war es egal, denn die ersten Leute kamen schon herbei gekrochen und verlangten nach Beschallung. Wir opferten noch eine halbe Stunde bei Publikumsverkehr, um zumindest Schlagzeug, Bass und Gesang noch einigermaßen amtlich hinzubekommen, und warteten dann auf unseren Auftrittsbeginn.
Das war schon mal ein gehöriger Dämpfer, für den keiner was konnte, denn Kurtl ist ein Profi, wir sind eigentlich auch recht kompromissbereit, wenn uns jemand überzeugend darlegt, warum das jetzt genau so sein muss, aber in dieser elenden Location war einfach kein vernünftiger Sound zu gestalten. Unser mühsam gefundener Kompromiss war nun beides: Laut und schlecht.
Schurl sollte bei diesem Auftritt seine Feuertaufe als Stagehand bestehen, nachdem jetzt zwei Auftritte hintereinander irgendwas mit Michis Gitarre war, und war entsprechend nervös. Ich platzierte den Kerl hinter das DJ-Pult, wo er alles gut im Überblick haben sollte, und spielte mit ihm ca. 15 Mal die notwendigen Handgriffe durch. Für den Außenstehenden muss das ein herrliches Bild gewesen sein: Ein langhaariger Meister, der mit einer Eselsgeduld auf den bärtigen Eleven einredet, ihm alle Wege vorgeht und alle Handgriffe vormacht, zuguckt, ob die griechische Hilfskraft das auch richtig hin bekommt, dann wieder 5 Minuten schimpfen und das Ganze nochmal von vorn. Und täglich grüßt das Murmeltier. Schurl saß danach während des ganzen Auftritts vor Anspannung zitternd am DJ-Pult und hoffte, das ja nichts passiert, den ihm fehlte damals so gut wie jede Erfahrung. Das lustige an Schurls Platzierung war, dass man von einem bestimmten Winkel des Zuschauerraums folgendes Bild wahrnehmen konnte: Vorne die Band, dahinter zeichnete sich in der mit runden Spiegeln ausgekleideten Rückwand das stark vergrößerte, verzerrte und verfremdete Gesicht des vollbärtigen Roadies in der Mitte der Musiker über ihren Köpfen und Verstärkern ab. Ich habe diesen Effekt leider erst auf den Fotos entdeckt, die wir zu diesem Auftritt schossen, aber er war schon sehr geil. Unten mühen sich die Musiker nach allen Regeln der Kunst - und über allem thront der mächtige Schurl.
Dass nichts mit Michis Gitarre passiert ist, ist aber auch schon das Einzige, was an diesem Abend gut ging. Natürlich trauten sich die Besucher nicht auf die notwendigen 5 cm an unsere schwitzenden und spuckenden Leiber heran, so dass der Minibereich vor uns den ganzen Auftritt über mit ca. 5 Leuten gefüllt war. Die anderen der ca. 50 Zuschauer verteilten sich über den verwinkelten Keller und hatten dort natürlich einen grottenschlechten Klang. Nichts sehen, schlecht hören, das kann wirklich keinen Spaß machen. Hinzu kam, dass Kurtl, um den Sound einigermaßen amtlich hinzubekommen, den Fehler machte, die ganze Kiste auf Anschlag zu drehen, so dass ich selbst in das Dreieck, das aus den Boxentürmen und dem Mischpult gebildet wurde, niemals freiwillig auch nur einen Fuß gesetzt hätte. Es war so dermaßen laut, dass es einem den Kitt aus der Brille trieb.
Jeder, der schon einmal live gespielt hat, kann sich vorstellen, was dann passierte: Der Sound war schlecht, das wussten wir schon. Die Zuschauer verzogen sich fluchend in die hintersten Ecken des Lokals oder hauten gleich ganz ab, da wirst Du als Musiker natürlich unkonzentriert und fragst Dich, was der Grund sein kann, warum uns keiner mehr zuhört, applaudiert oder sonst irgend ein Feedback gibt. Nach einigen Konzerten legst Du Dir als Musiker die notwendigen Strategien zu, wie Du trotz schlechter Resonanz in den ersten Stücken die Konzentration nicht verlierst, die Stimmung steigerst und so nach und nach die Zuschauer nach vorne bringst um den Gig trotz schlechtem Beginn zu einem geilen Erlebnis für alle Beteiligten zu machen. Mittlerweile sind wir darin ganz gut, damals wussten wir natürlich noch nicht, wohin der Hase läuft. Wir verspielten uns am laufenden Band, sangen scheiße (weil natürlich auch das Monitoring eine Katastrophe war) und Wolfi verklopfte sich ein ums andere mal mit seinen Breaks und Rhythmusechseln. Winny war von der ganzen Geschichte so gefrustet, dass er sich live komplett besoff und zum Schluss des Konzerts seine Texte eher als unverständliches Geschwurbel denn als lyrische Ergüsse in die paar übrig gebliebenen Zuschauer schmetterte. Auch nach dem Konzert war die volle Strandhaubitze nicht vom Mikro zu trennen. Selbst als wir schon längst mit dem Abbau begonnen, stand Winny noch am Mikroständern und versuchte sich in Gassenhauern wie "Heart of Steel" von Manowar oder "The Lord of the Ring" von Blind Guardian. Selbstredend nicht schön und insgesamt eher unnötig. Irgendwann waren alle Beteiligten nämlich auf 180 und ich ging zu Kurtl und bat ihn, die Anlage auszustellen. ("Mach dem Deppen bloß die Anlage aus! Ich kann nicht mehr!"). Seitdem betrinkt Winny sich erst nach den Konzerten, er ist live nämlich auch sehr engagiert und eitel und will auf keinen Fall abstinken, auch wenn er immer so cool tut und sich während des Singens eine Zichte rollt und diese zwischen zwei Zeilen anleckt, zusammenrollt und anzündet. Dieses Chaosszenario war ihm durchaus eine Lehre.
Unser erste Gastspiel in unserer ehemaligen Stammkneipe, das wir mit großem Getöse angekündigt hatten und auf das wir uns wirklich gefreut hatten, war also ein kompletter Reinfall gewesen und es sollte auch acht weitere Jahre dauern, bis wir im jetzigen Blackout nochmal spielen sollten. Nach diesem Auftritt mussten wir erstmal kleinere Brötchen backen und zogen es vor, zunächst mal über die Dörfer zu tingeln und auswärts zu spielen, bevor wir uns wieder in unsere Heimatstadt wagen wollen. Immer noch waren wir unserem Gerede, wie toll wir sind, den Beweis schuldig geblieben. Aber das sollte sich beim nächsten Auftritt in Rosenheim schlagartig ändern. Denn tatsächlich war dieser absolut üble Auftritt für unsere weitere Entwicklung sehr wichtig. Jetzt konnten wir erkennen, dass das Ganze kein Selbstläufer ist, sondern dass wir wirklich konzentriert an uns arbeiten müssen, wenn wir unsere grottenschlechten Livequalitäten verbessern wollten - und genau das taten wir nun.
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Im Blackout spielen ist wirklich nicht unbedingt das allerbeste, das stimmt allerdings. Leid tut ihr mir da! Aber mittlerweile hab ich euch ja schon mal richtig gut darin gesehen, von daher... schade, dass keine Konzerte mehr drin stattfinden! Vielleicht ändert sich das mit der Abschaffung des Raucherclubs ja jetzt und ihr könnt wieder mal da drin spielen. Cool wärs :)
Ach, gut zu wissen, woher "Isle of the tousand Uncles" kommt, hab ich mich in der Lola-Bar auch schon gefragt ^^
Das lied is schon gut nur der schluß der gefällt mir nicht so.......Das alte leid mit der Ziege die nicht ins nachbar dorf wollte oder so???? Oder Holli????
Bin zwar nicht Holli, aber Du sagtest doch immer, dass die Ziege blind war und geschoben werden musste...
Warum gibbs davon keine Bilder. Hätt ich gern gesehen. Höhöhöhöhö.
War ein lustig Kurzweil das Geschichtelein zu lesen, und sich die Schwarte krumm zu lachen. Mir ist bloss noch beim durchlesen der Endfassung wieder Eingefallen, das wir in Dettendorf ja ein paar Lustige Stromausfälle hatten, die wir mit allen möglichen unplugged- Stehgreifaktioenen Überbrücken mussten. Ich weiss, da bin ich ein bisschen Spät dran, aber mir ist es just vor 5minuten selber erst wieder eingefallen. Veileicht hasst du Lust es noch mit einzubauen.
greez Winny
Hi Winny,
klar hab ich das noch rein. Ich musste eh die Bartstory vom Schurl in Griechenland noch dazuschreiben.
Also mich dünkt so in den hintersten Ecken meines Gedächtnisses, als wie wenn der erste Auftritt mit neuer Bestzung in Dettendorf beim Schupfawirt mit Silent Mind als Vorgruppe gewesen währe. Aber ich kann mich auch täuschen....
Stay Geiseleinteildrinking
Hast recht. Ich ändere dies noch, aber erst in den nächsten Tagen. Dann nehm ich den Schupfawirt noch mit dazu. Wird dann eh ein größeres Kapitel.
Mann, wann is es endlich Acht, ich hab Duast
Nur noch drei Stunden und 20 Minuten. Dan geht's los. Ich fahr schonmal um sechs den Kram rüber...
Wat sind Schüle????
Und wat zum Geier sind Holfplanken.
Hi Schurl, bist noch gut heimgekommen heute morgen? Wir ham noch bis um halb sechs durchgehalten. Und der Ausdauerpreis geht diesmal an: Wolfi!!!
Mei, da sind sicher noch ganz viele weitere Fehler drin, aber der Text ist ja noch nicht als "fertig" markiert (Das ist er imer dann, wenn unten nicht "to be continued" steht)
So, ich habe jetzt Dettendorf an den Anfang gesetzt und damit wieder ein paar Seiten dazu gewonnen. Ist aber noch nicht ganz fertig. Den Sound Keller mach ich die Tage noch dran.
Und der Sound Keller ist jetzt auch fertig.
Hab mir jetz doch mal die Zeit genommen alles (ALLES!) genauestens durchzulesen und einzuprägen (bereit zum abfragen Herr Lehrer!) weil die diversen mündlichen Geschichten über die Band und Ihre Auftritte in ihren zahllosen Variationen gehen ja auf keine Kuhhaut nicht!!! Sehr sehr gut... warten wir noch gefühlte (oder gelesene) Vier Jahre und meine Wenigkeit leistet auch einen Beitrag zur Bandgeschichte!
Will aber nicht alles selber schreiben denn mir ist aufgefallen wenn ein anderes Bandmitglied über den Einstieg erzählt isses 1000x lustiger!
Höchstwahrscheinlich muss ich auf die grauen Zellen von Winny und Wolfi zurückgreifen weil mir eventunnel das Eine oder Andere entfallen ist vor lauter "wieviel Geißeleinteile mit 2 Augen Cognac gehen in einen Holli, wenn dieser noch nicht trinkfest ist und sich auf den schwierigen Weg der Selbsteichung begibt...".
..... Jaja ich war auch ma jung und brauchte den Schnaps!!! Oder so, egal....
Yes, we can!
Stay Bigbigliooohhhh