1990 - Peter
So standen wir 1990 immer noch ohne vernünftigen Bassisten da. So ganz das Wahre war das ja noch nicht. Zwar konnten wir mit der Besetzung auch mit einem Tieftöner noch lange keine Bäume ausreißen, aber für das eine oder andere gebrauchte Gebüsch hätte es schon gereicht. Obwohl bei Walter selbst die größten und stärksten Eichen des Waldes freiwillig umfielen. Kunststück, wenn man stinkt, wie ein Hering, der ein Jahr in Schweinejauche mariniert wurde.
Mittlerweile hatte ich in meinem Heimatort meine Butze fertig gestellt, so dass wir in meinem Keller einen gemütlichen Proberaum herrichten konnten. Die Decke wurde geschickt mit grob angeplankter Glaswolle schalldicht gemacht, Poster wurden aufgehängt und zum Schluss die Wände blutrot übergejaucht - natürlich um die Poster rum, man will ja den Slayer-Schriftzug nicht verschandeln. Andersrum wäre es natürlich leichter gegangen, frag auch nicht, wie wir auf die bescheuerte Idee kamen, erst die Poster und dann die Farbe anzubringen, wir waren halt besoffen.
Toml brachte uns Mitte 1990 dann eine auf den ersten Blick nicht ganz fassbare Gestalt namens Peter an. Der war ein Basschüler von Toml und hatte von ihm meine Nummer bekommen mit der Anweisung, sich da gefälligst mal vorzustellen und ihm keine Schande zu machen. Nun war er also da. Erstmal erfüllte andächtiges Staunen den Raum. Die erste Reaktion von Blubbi, der ja selbst 1,95 Meter groß ist, war der Satz: "Ich bin es nicht gewöhnt, dass ich zu anderen hinaufschauen muss". Naja, die Tradition der langen Kerls hat sich bei uns ja bis heute gehalten...
Alles an Peter ist lang. Zumindest fast alles. Auffällig waren, neben seiner Körpergröße, zuallererst seine Finger. Gefühlte 50 cm lange, spinnengleiche Tentakeln zierten seine oberen Extremitäten. Was natürlich für einen Bassisten sehr von Vorteil ist, denn so kann er eine Oktave auf einer Saite abgreifen, ohne dabei die Hand zu bewegen.
Equipmentmäßig sah es Anfangs bei ihm noch ein wenig dünn aus. Neben einem Passivbass kam er mit einer kleinen, kaum sichtbaren 5 Watt-Combo angeschissen, aber das sollte sich sehr schnell ändern. Wechselseitig gingen ihm Blubbi, ich und sogar unser technischer Kleingärtner Walter so lange auf die Nerven, bis er Toml völlig entnervt in der nächsten Bassstunde um Rat fragte. Der verkaufte ihm erstmal flugs seine 18''-Box, die er sich in München aus einer Haushaltsauflösung für 'n Appel und n' Ei erstanden hatte für teures Geld. Und auch der Besitzer des Music Lands, Kurtl, ging nicht ganz leer aus, fand er doch in seinem Basslehrer einen talentierten Verkaufsberater, der seinem jungen Eleven die interessantesten Sonderangebote an Boxen und Verstärker anpries ("Nein, mit 100 Watt brauchst denen gar nicht kommen. 600 Watt sind das mindeste. Und dann brauchst natürlich noch eine zweite Box, denn 600 Watt nur mit 1x18'' klingt nicht knackig genug."). Also war unser nicht allzu großer Übungsraum binnen zwei Wochen beinahe zur Hälfte mit robustem Verstärkermaterial ausgefüllt, die für ein mittelgroßes Open Air allemal ausgereicht hätten. Meine Mutter bekommt heute noch Stresspusteln, wenn sie nur daran denkt. Das Ding war so dermaßen laut, dass es uns den kitt aus den Fenstern trieb. Es kannte eigentlich nur zwei Zustände: Laut und aus. Selbst auf der geringsten Einstellung war von dem nicht gerade leisen Schlagzeug nur noch ein müdes Knistern zu hören. Und der Blubbi hatte ja das gute Sonor vom Toml gekauft, was einen absolut amtlichen Klang hatte, um Welten besser, als Wolfis Kartoffelkiste unplugged je hatte. Peters ewiger Traum war übrigens ein Laney 1000-Watt Amp ("Dausend Wadd! Do varecksd! Saugeil!"), vor der Erfüllung dieses Traums haben wir ihn jedoch eindringlichst gewarnt. Auch der Edi vom Sound-House, bei dem er sich das Teil besorgen wollte, fiel vor Schreck fast vom Stuhl ("Dausend Wadd? Bisd du wahnsinnig? Woast, was du damid orichten kannst?"). Und dann stellte er ihm die Frage, was er denn jetzt spiele, weil ihm sein Verstärker zu klein sei. Woraufhin Peter sagte "Nur 600 Watt". Edis Antwort fiel ziemlich eindeutig aus. ("Wooos? 600 Wadd? Ihr spinnts ja an Iran obi!") Irgendwann schafften wir es, ihn von seinem übertriebenen Lautstärkenvorstellungen abzubringen und erklärten ihm, dass selbst sein jetziger Verstärker einer Größenordnung entsprach, die er niemals, weder live noch im Übungsraum, ausnutzen konnte. ("Wennst des Ding owirfst, schmeißt dir jeder Mischer d'Bierflaschen nach!")
Bis auf das Lautstärkenproblem fügte sich Peter eigentlich ganz gut ein bei uns, Toml hatte im Bassunterricht nun auch eine wirklich sinnvolle Aufgabe ("Zeich ihm ma den Kram hier!") und so wurde Peter sehr schnell zu einem vollwertigem Bandmitglied.
Der Peter brachte immer viele lustige Freunde mit Polnischen Migrationhintergrund mit, die auch immer viele noch lustigere Getränke der härteren Coleur mitschleppten. Was mir diesen Fananhang, obwohl ich normalerweise erst mal meine Garage verriegelte, das die mir nicht den Toyota mit in den Transporter luden, sehr schnell Sympathisch machte, war die Tatsache, dass sie jeden Freitag mit allen Köstlichkeiten aus Ihrer Heimat anrückten (Wodka, Zichten, Knoblauchwurst und Autoersatzteile) und gelegentlich sogar vor ihrem zweimonatlichen Heimatausflug Bestellungen entgegennahmen ("Brauchst Du was? Kann ich billig besorgen. Aus Pollen!"), was mir als überzeugten Kettenraucher natürlich sehr entgegenkam.
Die Polen und meine neuen Ossihelfer überboten sich zu dieser Zeit regelmäßig im Herankarren leckeren Importwodkas, so dass dank der ununterbrochenen Zufuhr klarer Alkoholika die Probenabende sehr schnell zu derben Besäufnissen ausarteten. Ich weiß noch, als alle (!) Bandmitglieder den Abend über mit jeweils einer 1,5 Literflasche Wodka mit Henkel gut Freund wurden und den Inhalt dieser Behältnisse ihrem Stoffwechsel überantworteten. Das Problem an dieser Art des Probens bestand lediglich darin, dass Blubbers Schlagzeugspiel durch die Zufuhr dieses Kartoffelbrandes sehr schnell in einem ununterbrochenen Tomrundlauf mündete, da seine zweite Natur in der unangebrachten Hervorhebung seiner Vorzüge liegt. Er gibt einfach gerne an wie ein Kanarienvogel in einem Straußengehege. Auch ich spielte, vom Alkohol beflügelt, Solos, die ich eigentlich gar nicht kannte. Und auch kein anderer. Rotzbesoffen, wie wir waren, fiel das natürlich keinem Schwein mehr aus, Videotapes aus dieser Zeit bringen es allerdings ungeschönt an den Tag: Kakophonische Klangkompositionen unterster Kajüte, ein Geschwurbel an Tönen und Paukenschlägen, die, nüchtern betrachtet, dermaßen disharmonisch aus unseren vom Alkohol beeinträchtigten Bewegungsapparat hervorbrachen, waren wohl bloß im kompletten Delrium zu ertragen. Die Krönung des Ganzen war natürlich wieder unser Walter. Auch nüchtern schon ein gehörgangbrechender Dilettant vor dem Herrn, verwandelte ihn die ungezügelte Zufuhr an osteuropäischem Destillat in einen Berserker des Horrors, der seine Gitarre mit eines beethövischen Inbrunst bearbeitete und aus ihr Töne hervorlockte, von denen selbst Musikprofessoren bis heute noch nicht wissen, dass diese überhaupt existieren. Freejazz ist dagegen gefällige Kammermusik.
Peter wäre sicher noch viele Jahre bei uns geblieben, dazu passte es einfach zu gut, aber als Blubbi und ich beschlossen, uns einen vernünftigen Gitarristen zu suchen, war Peter ein Jahr später der leidtragende Kollateralschaden des nun anstehenden Entwicklung. Mit dem Einstieg von Michi bei Phantom Lord entwickelten wir uns von einem Hobbysaufverein, der nebenbei noch lustige Musik machte, zu einer ernsthaften Band. Und da passte Peter einfach nicht mehr dazu.
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sehr interessant, wie viele verschiedene leute bei euch waren.. gleich mal weiterlesen ..;)