1989 - Neuanfang mit Blubbi und Co.


By Winny - Posted on 18 Dezember 2008

Nunja, der Toml war also nach München aufgebrochen, um ein großer Rockstar zu werden. Zu dem Tag, als er mir das eröffnete, gibt’s auch noch eine kleine Anekdote, die ich der Vollständigkeit halber hier nicht verschweigen werde. Ich lungerte mal wieder allein im Proberaum herum, und dudelte lustlos ein paar Riffs auf meiner Gitarre, zog mir ein paar Pilschen rein, und wartete auf den Toml, der eigentlich gesagt hatte, dass er zum Üben vorbeikommen würde. Das war in letzter Zeit ein wenig selten geworden, weil er ja jetzt in München hauste und Studierte. War ja verständlich, dass er mit seinem schmalen Studentengeldbeutel nicht ständig mit dem Auto nach Rosenheim zum Proben runterkommen konnte. Ich freute mich schon, dass wir endlich mal wieder zusammen Mucke machen und ein paar Bierchen lenzen konnten, und wartete schon ungeduldig darauf, dass er endlich aufkreuzte.

Nach einer Weile, ich dachte mir schon wenn er nicht bald auftaucht, bin ich bis da hin schon Hackedicht, hörte ich draußen ein Rumpeln und Stimmengemurmel und dachte mir , wird auch schön langsam Zeit, dass er Antanzt.

Aber auf das was meinem getrübten Blick dann gewahr wurde, währe ich in meinen kühnsten Träumen nicht gekommen. Ich kannte den Toml nur mit sehr langen Haaren, und ich habe ihn damals immer dafür beneidet, weil bei mir als Dachdecker das pflegen einer langen Haarpracht rein Berufsbedingt ein kleines Problem war. Nicht dass mein Aussehen in der Firma oder auf der Baustelle irgendwen auch nur im geringsten interessiert hätte, denn wer schon mal auf einer Baustelle war, oder sogar dort gearbeitet hat, dem wird aufgefallen sein, das ein etwas abgerissenes Aussehen mit langer Matte, Tatoos, 50 Piercings im Gelätsche usw. beinahe zum guten Ton gehört. Und ich glaube sicher zu sein, dass bei Gerüstbauern zum Beispiel die Grundvoraussetzung zum erhalt eines Arbeitsvertrages ein Aufenthalt in einer Justizvollzugsanstalt von nicht unter 2 Jahren ist. Ich meine, wem würdet ihr zum Beispiel euer Auto zum Reparieren lieber anvertrauen, dem geschniegelten Modeschönling mit gegeltem Haar, blütenweißem Hemd das kein Ölflecklein trübt, und einem makellos sauberen Blaumann mit akkurater Bügelfalte, dessen auf Hochglanz polierte Arbeitsschuhe so glänzen, dass man sich fast genötigt sieht eine Sonnenbrille aufzusetzen, um einer Schädigung des Augenlichtes vorzubeugen, oder dem Ölverschmierten assligen Schrauber, der so Aussieht als hätte er die Werkstatt in den letzten 2 Jahren nur zum Bier oder Zichtenholen verlassen. Na? also. Bei meinem Job trat nur das Problem auf, dass die permanente Sonneneinstrahlung in Verbindung mit unglaublich viel Staub und Dreck die angestrebte Matte in ein Strohähnliches Gebilde verwandelte bei dem man sich beim Kämmen schon bald mehr Federn ausriss als nachwachsen konnten. Und wenn beim Bitumenschweißen mal wieder Gegenwind herrschte, dann war mal gleich der nachgezüchtete Bewuchs von einem halben Jahr dahin.

Aber ich schweife ab. Es öffnete sich also die Tür, und herein kam irgendetwas undefinierbares, welches ich erst beim dritten Mal hinschauen als Toml und Oliver erkannte. Beim ersten Mal hinschauen dachte ich mir, wie hat sich denn dieses Schwulenpärchen hier herein verirrt, und was zum Teufel wollen die von mir? Die Schwulenkneipe ist doch in der Nikoleistraße, wie kann man sich denn so verlaufen? und vor allem wie sind die am Türsteher vorbeigekommen? der Jimmy, das war der zierliche 2 Meter/150kg Mann an der Tür, hätte den Typen doch sofort einen Tritt verpasst, das alle analen Ambitionen für die nächsten 4 Wochen auf Eis gelegen währen. Der zweite Gedanke war, vielleicht sind es ein paar Zeugen Jehovas, die mich bekehren wollen. Aber in dem Fall währen zum Arschtritt mit Sicherheit noch ein paar in die Fresse hinzugekommen, denn wenn der Jimmy eines noch mehr hasste als Tucken, dann waren das diese penetranten Wachturmverkäufer. Als ich dann doch etwas neugierig geworden genauer hinschaute, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das ist ja der Toml! Nach 5 Minuten auf dem Boden wälzen und nachdem ich einigermaßen wieder Luft bekam, und mir zumindest den Großteil der Lachtränen aus dem Gesicht gewischt hatte, wagte ich einen weiteren Blick auf das Unfassbare: die Beiden waren identisch in Anzug und Trenchcoat gekleidet, Mit Seidenhalstuch im offenen Hemd, so dass sie aussahen wie alternde Witwentröster, oder zweitklassige Gigolos in einem Golfclub. Das währe ja nicht mal so schlimm gewesen, sie hätten ja gerade von einer Hochzeit oder einer Beerdigung kommen können. Aber der Hauptgrund für mein Nichterkennen war sein Haarschnitt. Er hatte sich die haare kurz schneiden, und sich eine Dauerwelle verpassen lassen, aber eine so derbe, das es aussah wie eine Negerkrause! Ich musste sofort wieder loslachen und sein gequältes Grinsen bröckelte dann schon langsam am linken Mundwinkel."Was hast denn du angestellt?" fragte ich dann endlich verwundert weil ich den Anblick der sich mir darbot beim besten willen nicht verstehen konnte, du siehst ja aus wie Michael Jackson auf Urlaub! Er druckste ein bisschen herum, und ich dachte mir schon dass da etwas faul ist, aber auf das was dann folgte währe ich nie und nimmer gekommen.

Dann ergriff der Oliver das Wort, und eröffnete mir:" Du wir wollten dir eigentlich nur sagen, das der Toml bei Phantom Lord aufhört, weil er in München mit Magenta eine Platte aufnimmt."

Boah, das war der Hammer! ich dachte ich steh im Wald! Ich fragte: "Ihr verarscht mich doch jetzt, oder? das kann doch nicht euer ernst sein?"

"Ja weist du ,der Toml dachte dass hier ja sowieso nichts weitergeht, und hat in München eine Band gefunden bei der er eingestiegen ist, und er hat auch keine Zeit mehr immer hier herunter zu fahren."

Ich sagte dann: "Kann der nicht für sich selbst reden? sonst ist er ja auch nicht aufs Maul gefallen, oder ist etwa der Scheiß auf deinem Mist gewachsen?" der Toml stand ein bisschen bedröppelt daneben, und wusste anscheinend nicht was er sagen sollte, und mir war eigentlich schon klar, das der Typ sich für ein bisschen was besseres hielt, und offensichtlich der Meinung war, dass ich für seinen Schwager in Spe nicht der richtige Umgang bin. Der Oliver war nämlich so ein pseudointellektueller Wichtigtuer der sich dem gewöhnlichen Pöbel, also so was wie mir, Augenscheinlich weit überlegen fühlte. Und so ging es noch ein bisschen hin und her, aber was an diesem Abend noch so gesprochen wurde weiß ich auch nicht mehr so genau, aber ich denke das kann sich ja wohl jeder selbst Ausmahlen. Fazit war, dass ich ab dem Zeitpunkt bandmäßig alleine dastand.

Also räumte ich missmutig den dadurch ja Überflüssig gewordenen Übungsraum, bevor auf meinem Verstärker noch das Moos zu wachsen anfangen konnte, und verfrachtete den Laney erst mal zu mir nach Hause. Bei Carnage konnte ich ihn nicht brauchen, weil ich mit dem Riesending die lächerlichen Comboverstärker der anderen Bandmitglieder selbst auf der niedrigsten möglichen Lautstärke gnadenlos niedergeprügelt hätte. Da war der kleine Marathon mehr als genug.

Ja, das war nicht so lustig damals, und momentan wusste ich wirklich nicht, wie es Bandmäßig weitergehen sollte. Ich spielte ja damals Gottsedank noch nebenbei als Gitarrist bei Carnage, aber das war irgendwie auch nicht so mein Ding. Denn bei der Liedgestaltung durfte ich mich dort gar nicht einbringen, weil das alles ja der Fuchsei machte. und die Spielerei die der an den Tag legte, war irgendwie auch zum davonlaufen. Der Typ hatte die auf die Gitarre eine komplette Harmonie gestimmt, bei der er mit der Hand nur über alle Saiten langen musste, weil er eigentlich überhaupt keinen einzigen Griff beherrschte. Da war ja ich mit meinen bescheidenen Fähigkeiten noch ein Kirk Hammet dagegen. Das währe ja alles noch nicht mal so schlimm gewesen, wenn der Typ wenigstens ein bisschen Taktgefühl gehabt hätte. Ich meine, beim Punkrock geht’s ja wirklich nicht so genau, doch selbst bei dieser Art von Musik sollte man zumindest ein bisschen Rhythmusgefühl mitbringen. Aber der haute ja so neben dem Schlagzeug her, das man hätte glauben können der Wutz stände an der Gitarre. Und das schlimmste war, er war ja nie falsch! Immer sind es die anderen gewesen, die aus dem Takt waren. Aus dem Grund kriegte er öfters Ärger mit mir, weil wenn einer so scheiße spielt und dann noch arrogant ist, dann kann ich meine Fresse einfach nicht halten.

Irgendwann so im Januar 1990 unterhielt ich mich dann mal mit dem Blubber, von dem ich wusste, dass er Schlagzeug spielte. Blubber heißt eigentlich Rainer und zeichnet sich in erster Linie durch enorme Körpergröße aus. Lustig war, dass sein Kopf Zeit seines Lebens nicht mitwuchs, soll heißen, seine Rübe hatte schon als Kind dieselben Ausmaße wie heute. Und heute passt es von den Proportionen so ungefähr. Früher nicht, da saß auf seinem jugendlichen Körper eine dermaßene Melone, die ihm ein leicht morlockartiges Aussehen bescherte. Dies unterstützte er zudem durch eine Frisur, die eher an einen 70er Jahre Motown-Musiker als an einen Metaller erinnerte. Wer sich nichts darunter vorstellen kann, soll sich mal an Notberg aus "Die nackte Kanone" erinnern, da hatten sie auch so eine 70er Jahre-Verarsche, in der Notberg mit seinem Afro nicht durch die Tür passte. Genau denselben züchtete sich Blubbi über die ersten 16 Jahre seines Lebens. Daher auch sein Spitzname: Blubberhead, abgekürzt Blubber oder Blubbi. Hinzu kam, dass Blubbi damals am ganzen Körper komplett zugepickelt war. Eitrige Beulen zogen sich über sein Gesicht und den ganzen Rücken, zu jedem Proben erblühte ein neues eitriges Geschwür an seiner Gestalt und man musste befürchten, dass sich eine von diesen Pusteln im Laufe des Abends über sein Drumset ergoss und von da aus den kompletten Proberaum besprenkelte. Heute hat er die Dinger ja einigermaßen im Griff, die Pickelforschung hat in den letzten Jahren wohl ziemliche Fortschritte gemacht. Nur die Narben blieben ihm und verleihen ihm heute ein markant männliches Aussehen.

Blubbi spielte damals in einer Band namens Vulture. Das heißt Geier, was dem geneigten Publikum so manch lustige Assoziationen entlockte (*Grek*). Vulture fehlte noch ein geeigneter Sänger, denn damals war Blubbi der Sänger, und zwar hinter dem Schlagzeug. Das muss ein geiles Bild gewesen sein: Blubbi brüllt sich hinter seinem Drumset die Rübe dick und vorne stolpert Walter über seine eigenen Füße. Nach kurzer Ansprache stieg ich in die Band ein, da heißt: Ich übernahm sie praktisch so wie sie war. Der Name Vulture flog nach kurzer Zeit auf den Kehricht und wir benannten uns um in - natürlich - Phantom Lord.

Anfangs hatten wir auch noch einen Bassisten, einen Punker namens Henning, der eigentlich ein recht netter Kerl war. Als ich ihm in meiner Unwissenheit, er trug lauter Nazis raus und gegen Nazis Symbole auf seiner Punkerlederjacke, einmal im Auto den Carnivore-Song Jesus Hitler vorspielte, war er irgendwie gar nicht so begeistert. Im Fettnäppfchenspringen war ich immer einer der ersten. Dazu muss man sagen, das Carnivore eigentlich eine komplett unpolitische Band waren, die, als dumme Amis, mit diesem Lied eigentlich nur provozieren wollten mit Sachen, von denen sie keine Ahnung haben. Es klingt halt so schön verboten und gefährlich. Slayer haben das ja früher mit Angel of Death auch gemacht. Jedenfalls habe ich Henning damit - glaube ich - vergrault.

Aber egal. Wir hatten Schlagzeug, zwei Gitarren, es konnte also losgehen. Es gab eigentlich nur ein Problem, Walter! Wie Blubbi auf diese Karikatur eines Gitarristen gekommen ist, das würde mich eigentlich schon einmal interessieren. Der Typ sah aus wie aus einem 70er Jahre Video entsprungen. Eigentlich war er zu diesem Zeitpunkt ungefähr 35, sah aber eher aus wie Jopie Heesters Großonkel. Spindeldürre Gestalt, unförmiger Körperbau, die Älteren von uns können sich sicher an diese mit Gummi überzogenen Drahtmännchen erinnern, die man mit den Armen und den Beinen zwei mal um die Tischlampe wickeln konnte, und wenn die dann länger im Gebrauch waren, (bei diversen Kriegsspielen als Mineopfer herhalten mussten usw.) schauten sie dann doch etwas mitgenommen aus, so total verdreht, ausgebleicht, und schwarz verbrannt, und genau so konnte man sich diesen Menschenersatz vorstellen. Hierzu passte auch sein Künstlername, den er sich in einem kreativen Anfall selbst gegeben hatte: Black Spider. Von uns natürlich binnen kürzester Zeit umgewandelt in Bläd Spider.

Natürlich fanden wir flugs noch weitere putzige Namen für unseren verwesenden Mitstreiter: Bandmonster Walter, das Monster der braunen Lagune, der Kanalisator, der Mann, der aus der Scheiße kam oder Chhhhh (Hörbares Einziehen der Luft durch die Weisheitszähne, womit er seinen übermäßigen Speichelfluss zu bändigen suchte - natürlich vergeblich). Die Anzahl der Spitznamen wird nur noch übertroffen von Wolfis Auszeichnungen, die er sich im Laufe seiner harten Bandkarriere erarbeitete. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt: Er ist auch schon deutlich länger dabei.

Von der hygienischen Zumutung mit dieser Kreatur, deren Fähigkeit zur Speichelerzeugung der eines ausgewachsenen Bernhardiners bei weitem überlegen war, und dessen Körperausdünstungen selbst nach dem jährlichen Besuch in der Nasszelle auch den eines nassen Hundes neben der Heizung entsprachen, will ich gar nicht reden. Der Typ stank wie ein läufiger Iltis. Das mag vielleicht ein wenig an seinem Beruf gelegen haben, denn er arbeitete als Kanalreiniger, und da wird man für Körpergerüche oft ein wenig resistent, vor allem für die eigenen. Für Außenstehende jedoch war Walter ähnlich willkommen wir ein Gesäßfurunkel.

Einmal war ich mit Evi zu ihm und seiner Freundin zum Trinken eingeladen. Nur zum Trinken, wohlgemerkt, niemals hätte ich eine Einladung zum Essen von diesem Kretin angenommen. Schon beim Hinfahren scherzten Evi und ich über lustige Kulturen, die seine Wohnung mit ihm und seiner Freundin teilen könnten oder über Gruselige Artefakte, die sich beim näheren Hinsehen als der Abfall von vor zwei Monaten entpuppen würde. Die Realität übertraf unsere schlimmsten Befürchtungen bei Weitem. Gallertartige Massen durchzogen die kompletten Wohnräume, die Wohnung war komplett zugemüllt und vor allem die Küche hatte es in sich. In der Spüle stapelten sich die Teller von Monaten, grüner Pelz umkleidete Teller, Tassen und Gläser, das Ganze sah aus wie ein Stillleben aus saftigen Weiden mit geblümten Fließen als Hintergrund, die als solche kaum mehr zu erkennen waren. Vom Boden konnte man essen, im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Mülleimer quoll dermaßen über, dass große Teile der nicht ganz verzehrten Speisen der letzten Jahre als halb verwester Teppich den Boden bedeckten. Und das, obwohl sie gar keinen Teppich hatten. Gut, dass ich damals nur Lederklamotten trug, denn die konnte man zur Not auch abkärchern.

Wir ratschten und tranken fröhlich unser Bier aus Flaschen, denn aus einem Glas hätte ich in diesem Haushalt niemals ein Getränk angerührt. Da hätte man Placke auf den Lippen bekommen, dass man ausgeschaut hätte, wie der Elefantenmensch. Oder die Pusteln hätten eine Tentakelform angenommen, dass man ausgeschaut hätte, wie Cthulhu mit Schweinepest. Wir schütteten uns munter weiter die alkoholischen Getränke ins prosaische Gedärm und der an sich etwas schüchterne Walter ging mit fortschreitender Alkoholisierung nun doch etwas aus sich heraus. Irgendwann, weiß der Teufel, wie, schwenkte das Thema dann mal in den zwischenmenschlichen Bereich über. Uns Walter kam zu unserem Entsetzen auf die glänzende Idee, sexuelle Erfahrungen auszutauschen. Dass er so der grenzperverse Besucher von Sexshops diverser Ausrichtungen ist, war mir von seinem Aussehen und seiner ganzen Art her sowieso schon klar. Aber was dann folgte, konnten wir uns in unseren schlimmsten Albträumen nie und nimmer vorstellen. Unaufgefordert und freudestrahlend berichtete uns Walter von seinen sexuellen Vorlieben. Dazu muss ich noch hinzufügen: Bevor wir erfuhren, dass er eine Freundin hat, und das hat und schon groß gewundert, dass sich ein weibliches Wesen mit dieser abgewarzten Vogelscheuche überhaupt im selben Raum aufhielt, gingen wir eher davon aus, dass er seine sexuelle Befriedigung vor allem bei den Bewohnern des Tierreichs suchte. Aber als wir seiner Freundin ansichtig wurden, verstanden wir auch, warum er es geschafft hatte, ein weibliches Wesen aufzugabeln. Man wird es kaum für möglich halten, aber Walter war der deutlich gefälliger anzusehende Hominide in dieser illustren Verbindung. Wie soll man diese Augenpest beschreiben? Nehmt die hässlichste Frau, die Ihr jemals gesehen habt. Oger sind auch zugelassen. Und das ganze mal 10, dann werft das Ergebnis in die nächste Güllegrube und wendet das ganze in Schafsköttel. Dann habt Ihr ungefähr eine Vorstellung davon, wie diese Ausgeburt der finstersten Hölle ausgesehen hat, die Frankenstein nach einer mehrwöchigen Sauftour durch die schlimmsten Kneipen der südfranzösischen Gosse und reichlicher Zuführung eines aus Pferdeurin, Froschejakulat, verwestem Fisch und halbverfaultem Getreide zusammendestillierten Absinths und weiteren Getränken, die jeder Beschreibung spotten im Volldelirium zusammengeprokelt haben könnte.

Zurück zu Walter und seinen Schilderungen. Lächelnd und mit einem Gesicht, als sei es das natürlichste von der Welt, erzählte er uns von seinen sexuellen Vorlieben: Natursekt, Kaviar, Sekretfetischismus, onanieren in Muttis rosafarbenen Spülhandschuhen, beim örtlichen Tauchhändler Gummianzüge ausprobieren, in der Kabine sich einen runterholen und erwischt werden, geruchsintensives gemeinsames Einwickeln in Zellophanfolie und so weiter. Braaaaah! Als er dann noch vorschlug, man könnte den lustigen Abend doch mit einem zünftigen Partnertausch krönen, täuschten Evi und ich sofort einen lange vereinbarten Besuch bei entfernten Verwandten vor, um nur ja diese gastliche Stätte möglichst schnell verlassen zu können. Nie wieder habe ich auch nur einen Fuß in diese Grotte gesetzt.

Trotzdem hätte uns das alles egal sein können, wenn Walter auf seinem Instrument nur halbwegs amtliche Klänge zustande gebracht hätte. Die Spielkünste dieses Wesens waren, freundlich gesagt, Mittel. Sein grottenschlechtes Equipment tat natürlich das Seine zu seinem fürchterlichen Sound. Er spielte mit einer alten Les Paul Kopie, die das Holz nicht wert war, aus dem es geschnitzt war. Dieses Teil wäre es nicht mal wert gewesen, es Bibern zum Fraß vorzuwerfen, denn die armen Viecher hätten sich an dem verkeimten Teil mit Sicherheit eine üble Magenverstimmung geholt. Selbst meine 200 Mark Explorer die ich, eben weil sie so Bundunrein war, sehr bald verkauft habe, war noch um Lichtjahre besser als dieses Scheißpaddel. Die Verkabelung für seine 20 Tretminen, (wenn man schon nicht spielen kann, braucht man wenigstens genug Effekte) wurde ja schon an anderer Stelle ausgiebig beschrieben. Diese Ansammlung morbider Werkzeuge wurde nur noch übertroffen von seinem Fender-Verstärker. Ein ausgebeulter Hamsterkäfig wäre deutlich die bessere Wahl gewesen. Das Ding mag ja vor einem Jahrhundert mal ein einigermaßen annehmbarer Gitarrenverstärker gewesen sein. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie man ein an sich so unverwüstliches Teil in so einen bedauernswerten Zustand bringen kann. Ich hab mir seine Boxenkabel ja nie genauer angesehen, aber ausgehend von seiner übrigen Verkabelung kann man sich gut vorstellen, dass zwischen Topteil und Lautsprecher ein Gardena-Schlauchaufsatz klagend seine schwere Arbeit verrichtete. Und zwar ein löchriger. Aber Spaß beiseite: Dass zusammengedrehte Boxenkabel einem Verstärker nicht gerade gut tun, dürfte jedem, der schon irgendetwas mit Musik zu tun hatte, einigermaßen klar sein. Offensichtlich hat unser Tim-Allen-mäßiger Hobbyelektroniker an seinem Amp ebenfalls noch einige sinn- und wertfreie Modifikationen vorgenommen. Hier mal ein Kabel durchtrennt, dort einen zusätzlichen Widerstand hinzugelötet, eine Dose Rügenwalder Teewurst als Schmiermittel auf die Regler geschmiert und ein Kreissägeblatt zwischen die Transistoren eingebaut, damit der Ton schärfer und schneidender kommt. Da braucht es einen nicht zu wundern, wenn der Strom dann mal wo hinläuft, wohin er eigentlich nicht soll. Ein munteres 50-Hertz-Brummen umschmeichelte daher permanent seine aus der Wurstgitarre herausgepressten Töne. Wenn sein Verstärker mal besonders gut drauf war, züngelten schon mal lustige Blitze über die Gitter seiner Lautsprecherboxen. Man konnte nur mit offenem Mund danebenstehen und versuchen, seinen vom Lachen zusätzlich angefeuerten Harndrang einigermaßen unter Kontrolle zu halten.

Spielen konnte er natürlich auch nicht wirklich. An den Griffen hat es eigentlich nicht gelegen, davon konnte er viele. Nur die Kombination derselben gestaltete sich für unsere Musik als eher unpassend. Eigentlich spielte er vor allem das, was ihm gerade einfiel, und das entschuldigte er dann immer mit den Worten: Das ist Live-Feeling, Mann. Da ist Blues dabei. Offensichtlich war dem Einfaltspinsel noch gar nicht aufgefallen, dass wir hier Metal machen und keinen Blues. War seine Begleitung, abgesehen von der Tatsache, das er sich keinen einzigen Song merken konnte, noch halbwegs akzeptabel, so spotteten seine Solokünste jeder Beschreibung. Man sperre 20 Katzen zu einem Rottweiler in den Käfig, werfe noch 5 Mikros und unsere Krähe dazu und sorge mit heiteren Stromstößen für eine zusätzliche Belebung der Situation, dann hat man ungefähr 5% der Vorstellung davon, was bei Walters Partituren so abging. Wie es einem einzigen Menschen möglich ist, so an einer sich einigermaßen strukturiert gehaltenen Begleitung vorbeizuspielen, ist mir heute noch ein Rätsel. Dabei wurden seine Solos im Laufe des Abends immer schlimmer, was aber vor allem daran lag, dass er statt der ersten Solos verzweifelt versuchte, seine Gitarre zu stimmen, was sich deutlich besser anhörte als seine ungezügelten Kreativräusche zum Ende des Probenabends.

Eigentlich hätten Blubbi und ich Walter schon längst aus der Band werfen sollen, aber natürlich hatten wir auch unseren Spaß mit diesem Kerl. Er schluckte die schlimmsten Demütigungen, ohne mit der Wimper zu zucken und bedankte sich anschließend fast noch für die Züchtigung. Vielleicht stand er ja drauf, nach dem Besuch bei ihm hätte mich das nicht gewundert. Die ganzen Halb- und Dreiviertelkatastrophen, die er ständig brachte, sorgten bei uns natürlich auch für Kurzweil. So hielt er es dann doch noch fast zwei Jahre mit uns aus, bis wir dann irgendwann beschlossen, aus der Band etwas Anständiges zu machen, uns einen vernünftigen Gitarristen zu suchen und Walter vor die Tür zu setzen.