1989 - Tomls Wanderjahre


By Toml - Posted on 17 Dezember 2008

Es war im Winter 1989 als ich bei Phantom Lord ausstieg. Auch das gehört zu der Historie der Band und soll nicht verschwiegen werden. Das ist zwar für mich kein Ruhmesblatt, aber egal, es hat sich ja alles zum Guten entwickelt. Wenn ich allerdings gewusst hätte, was ich versäume, insbesondere den Auftritt in Traunreuth mit Sodom, dann hätte man mich nicht einmal mit dem Brecheisen loseisen können. Dass die Band damals, trotz meines Ausstiegs, heute immer noch existiert, ist ausschließlich Winny zu verdanken, der immer an die Sache glaubte und seinen Weg geradeaus weiter gegangen ist. Davor: Allerhöchsten Respekt. Aber der Reihe nach.

Phantom Lord existierte Ende 1989 bereits drei Jahre. Was heißt "existierte". Naja, es waren Winny und ich, die gemeinsam das Banner Phantom Lords hoch hielten, von einem Schlagzeuger, geschweige denn einem dritten Gitarristen war weit und breit nichts zu sehen. Natürlich hatten wir unseren Spaß, den hatten wir immer, aber das, was eine Band so ausmacht wie Auftritte, Platte machen, neue Songs schreiben, da war einfach nicht wirklich was geboten. Nur zu zweit vor sich hin jammen, Ideen ausprobieren, Covernummern spielen, dazu noch die frustrierende Tatsache, dass ich am Schlagzeug nicht wirklich weiter kam und mir der Platz hinter der Schießbude inzwischen überhaupt keinen Spaß mehr machte, fand ich damals ziemlich scheiße. Nach drei Jahren ohne grundsätzlich Weiterentwicklung war ich von der ganzen Sache ziemlich desillusioniert. Die Anfangseuphorie war vorüber, außerdem zog ich nach München um, weil ich es nun doch geschafft habe, ein so gutes Abitur hinzubekommen, dass ich an die Hochschule gehen konnte. (Naja, eigentlich wollten es mehr meine Eltern, ich wollte lieber eine vernünftige Lehre machen.) Also stieg ich aus. Winny war natürlich sauer und traurig zugleich, das kann man auch verstehen, aber er machte weiter und sollte es in den nächsten Jahren tatsächlich hinbekommen, Phantom Lord auf ein festes Fundament zu setzen, so dass ich mich 1993, als ich wieder zur Band stieß, in ein gemachtes Nest setzen konnte. Aber über die Zeit dazwischen müssen Winny und ab 1992 der Michi berichten.

Ich war derweil in München musikalisch unterwegs. Natürlich war so ziemlich das Erste, was ich tat, mich in München umzuhören, wo denn die metallische Gemeinde sich so traf. Sehr schnell kam ich auf das Fantasy, dort wurde Donnerstag immer der Metal gespielt, den ich mag: Hart, schnell, laut und mit viel Gebrüll. Also fuhr ich so ziemlich jeden Donnerstag mit der S-Bahn nach Neuaubing, lernte schnell neue Leute kennen und hörte mich nach Bands um, die einen Bassisten suchten, denn ich wollte wieder Bassspielen. Das mit dem Schlagzeugspielen habe ich nach Phantom Lord wieder ziemlich schnell aufgegeben, mein Set an den Blubbi verkauft (der mir dafür übrigens immer noch die letzte Rate schuldet) und mich wieder meinem eigentlichen Lieblingsinstrument zugewandt: Dem Bass. Das kann ich und mag ich, außerdem hatte ich in der Zwischenzeit doch sehr viel geübt und mich vor allem durch das Raushören bekannter metallischer Stücke weiter gebildet. Das mit dem Raushören kann ich übrigen jedem angehenden Bassisten empfehlen: Du schulst Dein Gehör, lernst typische Bassläufe, bekommst was über Harmonie und Begleitung mit und wirst außerdem sehr schnell sehr viel besser. Meine klassische Gitarrenausbildung half mir dabei, die Finger richtig aufs Griffbrett zu setzen, somit war eigentlich irgendwann alles spielbar, was ich spielen wollte. Üben hilft leider.

Aber eins nach dem anderen. Wegehen in München ist im Grunde auch nichts anderes als Weggehen in Rosenheim. Bis auf die Tatsache, dass zu der Zeit in München eine Unmenge an Posern unterwegs waren. Die in Amiland inzwischen deutlich abgeflaute Welle des Hair-Metals hatte in München gerade ihren großen Boom, so dass die Münchner Musikszene eigentlich zwei bis drei Jahre zu spät dran war. Trotzdem hatten es viele Bands des seichteren Hardrocks bereits geschafft oder waren auf dem Sprung, so dass natürlich jeder Musiker in München den Wölfen nachheulte, sich schminkte, die Haare toupierte, Jäckchen mit selbst aufgebrachten Glitzersteinchen anzog und natürlich entsprechend schreckliche Poserbands gründete, um den bereits abgefahrenen Zug des Hair-Metals doch noch zu erwischen. Man kann davon ausgehen, dass so ziemlich jeder anwesende Musiker seine Freundin um 12 Uhr Mittags aus dem Bad schmiss, weil er sich selbst bis zum abendlichen Ausgang in Form bringen musste. Natürlich waren unter den ganzen verbrannten Dauerwellen hie und da wirklich großartige Menschen zu finden (Mani Rules!), die meisten aber konnte man mit der Bezeichnung "hochtoupierte Dünnbrettbohrer" sehr gut beschreiben.

Im Frühjahr 1990, als ich so ziemlich jedem Fantasybesucher, der zugab, in einer Band zu spielen, mit meinem Bandsuchanliegen auf die Nüsse gegangen bin, war es endlich soweit. Leider war es ein Freitag, als mich der Telefonanruf erreichte, der die nächsten 10 Jahre meines Lebens prägen sollte. Den Donnerstag davor war ich im Fantasy und es war wieder rauschig. Sehr rauschig. Ich erinnere mich nicht mehr an viel, nur noch, dass ich draußen, nach dem Empfang der Frischluftwatchen, auf der Bank sitzend nach hinten über die Lehne gereihert habe. Blöderweise saß mit mir auf der Bank noch eine Dame, mit der ich die Zeit davor nett geratscht hatte, die allerdings nach meinem (im wahrsten Sinne des Wortes) unter-brochenenen Redefluß fluchtartig das Weite suchte. Harrhar. Naja, ich fuhr dann besser mal auch nach Hause und legte mich in Bett, aus dem ich am nächsten Tag um 10:00 Uhr durch heftiges Telefonklingeln hochgeschreckt wurde.

Am anderen Ende der Leitung war ein Mensch, der sich als Christian vorstellte. Er habe gehört, ich spiele Bass und suche eine Band. Ob ich nicht heute Abend gleich mal zum Proben vorbei kommen wollte. Oh Mann, ausgerechnet heute! Ich war halb tot und versuchte mir, nichts anmerken zu lassen. Was mir zirka 2 Minuten gelang, danach musste ich den Anrufer mit einem kurz gemurmelten "Entschuldigung, ich bin gleich wieder da!" vertrösten und mir die Eigenheiten meiner Toilettenschüssel in den nächsten Minuten etwas genauer ansehen. Als ich den Telefonhörer wieder aufhob, war Christian tatsächlich immer noch in der Leitung und hatte natürlich alles mitbekommen, meine Studentenpackabsteige war damals ziemlich eng ("Beim Brunzen triffst an Duschvorhang"), also war nichts mit der akustischen Versteckaktion. Ich murmelte was von Magenverstimmung durch Mensaessen und der Typ nahm es mir tatsächlich ab! Unglaublich! Der Probentermin am Abend stand und so wurde ich noch am selben Tag Mitglied der Band Magenta.

Über diese Band möchte ich an dieser Stelle nicht viele Worte verlieren. Das hat nichts mit Phantom Lord zu tun, ist also hier fehl am Platze. Alte Wunden soll man auch nicht aufreißen. Aus zwei Gründen wurde dieser Tag dennoch für mich sehr wichtig: Ich lernte Schmacki und Dirk kennen. Schmacki war der Gitarrist, wurde in den nächsten 10 Jahren mein ständiger musikalischer Begleiter in Bands wie Aiming High oder Models Inc. und ist ein wahnsinnig netter Kerl. Inzwischen habe ich gehört, dass es ihm gesundheitlich nicht mehr so gut geht: Schmacki, ich wünsch' Dir alles Gute.

Und jetzt zu Dirk. Dirk ist der Wahnsinn auf zwei Beinen. Irgendwann von Hannover nach München gezogen, mit einem abgeschlossenen Schlagzugstudium in der Tasche, mehr Talent als Geld und so dermaßen verrückt, dass er Menschen, die ihn nicht kennen, innerhalb von 5 Minuten entweder in den Wahnsinn treibt oder in eine langjährige Freundschaft. Ich gehörte zur zweiten Kategorie Mensch. Sehr bald stellten wir beide nämlich fest, dass wir die gemeinsame Zeit mit sehr viel Spaß für alle Beteiligten verbringen konnten. Oft waren wir am Wochenende gemeinsam unterwegs, machten das Münchner Nachtleben unsicher, tranken viel leckeres Zeug und erfanden die Freizeitbeschäftigung "Fußschweiß in Gröbenzell" (Also mit den Langlaufskien von Dirks Mutter den Gröbenzeller Bahndamm herunterbrettern, das ganze mit eher weniger Schnee auf dem Schotter und natürlich nur auf einem Ski, denn jeder wollte fahren und wir hatten nur ein Paar. Die Ski sahen danach aus wie der Kartoffelacker von Bauer Piepenbrink. Und Dirk bekam wahrscheinlich im nächsten Winter tüchtig Haue.)

Eines Nachmittags waren Dirk und ich zu einer Geburtstagsparty in Rosenheim eingeladen. Naja, eigentlich war nur ich eingeladen, ich wollte aber Dirk unbedingt dabei haben, denn das konnte nur im Chaos enden, versprach also, enorm lustig zu werden. Die Einladerin hatte in erster Linie ihre Freundinnen eingeladen und Weiber fand Dirk ja schon immer ziemlich interessant. Also quengelte er so lange, bis er mitdurfte. Dirk und ich fuhren also mit meinem gelben, völlig kaputten Fiat 126 von München nach Rosenheim. Auf der Fahrt kam Dirk eine Idee: "Hörma, ich heiße heute nicht Dirk, ich bin dein Bekannter aus Amerika, heiße Simon McValley und komme aus Miami, Florida". "Ja wie? Wie soll das denn gehen?" fragte ich. "Lass mich nur machen", sagte Dirk, und wir liefen ein. Es war göttlich. Dirk, also Simon, radebrechte den kompletten Abend schlechtestes Deutsch mit übelstem Texanischen Akzent und war natürlich der Star des Abends. Er musste erzählen, wie es denn so sei in Florida, was er denn so mache (Profischlagzeuger), warum er jetzt in Deutschland sei (habe hier einen Job in bekannter Showband) und so weiter. Blöd war, dass sich Lydia ziemlich schnell in den exotischen Drummer aus Amerika verliebte, so dass sich Dirk aka. Simon irgendwann völlig unvermittelt in einem fremden Bett wiederfand. Tja, wie kommt er aus dieser Nummer wieder raus? Dirk, ganz souverän, verpinkelt sich nicht einfach am nächsten Tag mit der klassischen "Ich ruf Dich an!"-Nummer. Allem Anschein nach hatte es ihn selbst erwischt. Also zog er die Nummer geschlagene drei Wochen weiter durch, während ich mir alle Mühe gab, dabei ernst zu bleiben. Irgendwann hat er sich dann doch noch offenbart (beziehungsweise verquatscht) und blieb mit Lydia noch zwei Jahre zusammen. Dirk, wenn Du das hier liest: Du hast es einfach drauf!

Dirk begleitete mich auch gerne auf meinen Wochenendfahrten nach Rosenheim. Dort wohnten wir im Haus meiner Eltern und gingen Wochenende gerne mit den Rosenheimer Metallern in den Pernloher Keller. Winny war mir mittlerweile nicht mehr sauer, lachte mich nur (berechtigterweise) aus, weil wir mit der Band auch nicht viel weiter gekommen waren, als wir damals mit Phantom Lord, sonst war aber alle soweit okay und kein böses Blut im Raum - hoffe ich zumindest. Mittlerweile hatte Winny den Blubbi am Schlagzeug eingestellt und an der Gitarre spielte ein etwas komisches Etwas, das sich nach und nach als Walter herausstellte. Dazu aber später. Dirk und ich schauten in den nächsten Jahren immer mal wieder gerne beim Proben vorbei. (Winny hatte in der Zwischenzeit sein Haus fertig gestellt, so das das Problem des fehlenden Probenraums nicht mehr existent war.) Dirk zeigte Blubbi dann und wann, wie man vernünftig Schlagzeug spielt, Blubbi fand diese Einmischung in seine hoheitlichen Rechte, naja, Mittel und alle anderen hatten natürlich ihren Spaß und heruntergeklappte Unterkiefer, denn Dirk konnte wirklich spielen.

Als kleinen Ausgleich für meinen Ausstieg habe ich Winny ein Jahr nach meinem Ausstieg einen Bassisten besorgt. Das ging so: Da auch ein fauler Student leben muss, musste ich mir nebenbei so manche Arbeit suchen. Mein Lieblingsjob war der Bassunterricht im Music-Land Rosenheim. Dort hatte ich regelmäßig vier bis sechs Schüler, die sich alle abmühten, meinen Anforderungen zu genügen. Normalerweise sieht ein vernünftiger Bassunterricht so aus: Man spielt sich warm, sucht sich Übungen zur Stärkung der Fingerfertigkeit, übt diese bis zur Perfektion ein und spielt zum Abschluss der Stunde noch ein einfaches Stück aus dem Repertoire der Musikgeschichte, um den Spaß am Lernen nicht zu Kurz kommen zu lassen. So werden die Kompetenzen am Instrument seiner Wahl schnell und sicher erweitert und man erhält innerhalb weniger Monate die nötige Virtuosität und Gewandtheit. Nicht so bei mir. Zunächst mal wurde der Quintenzirkel so lange in den jugendlichen Schädel eingebimst, bis die Rübe glühte. Danach wurden spontan Tonleitern ausgewählt, die der Schüler sauber und gleichmäßig von oben nach unten und wieder zurück zu spielen hatte. Wenn ich gute Laune hatte, nur über zwei Oktaven. Dabei fristeten auch verminderte, dorische, phrygische, mixolydische und pentatoniche Tonleitern kein Schattendasein. Und das Ganze natürlich gleich mal auf Es-Moll, C-Dur kann doch jeder. Mit Spaß hat das natürlich wenig zu tun, dafür mit sehr viel Übung, Schweiß und Tränen. Trotzdem hielten die meisten meiner Schüler zu meiner Verwunderung durch und wurden mit der Zeit richtig brauchbare Bassisten (Grüße an Christian an dieser Stelle, der macht heute noch Musik und freut sich immer, wenn er mich trifft. Unglaublich).

Einer meiner Schüler hieß Peter. Peter war ca. zwei Meter groß und hatte Hände wie Bratpfannen. Ideale Voraussetzungen für einen Bassisten, der doch seine Griffel über eine gefühlte Länge von fünfzig Zentimetern ausstrecken können muss, um die Läufe ohne unschönes Händehinundherrutschen sauber spielen zu können. Nach einem Jahr war Peter durch eigenen Fleiß und meine Knute so weit gereift, dass ich ihn Winny vorstellen konnte, der ihn tatsächlich sofort einstellte. Mein Eindruck von Peter war, dass er sich sehr im Hintergrund hielt, weil er sich neben Winny nicht so sehr traute. Brach es aber aus ihm hinaus, so wurde er fast so zickig, wie 10 Jahre später unser ebenfalls noch im Teenageralter aufgenommener Gitarrist Holli.

Irgendwann 1991 rief mich Winny an. Ich hatte mir gerade zusammen mit Schmacki ein schönes analoges Aufnahmegerät gekauft, um mit ihm gemeinsam an neuen Songs für unsere neue Band zu arbeiten. Wir hatten uns damals zu dritt von Magenta verpfiffen, wollten einen neuen Sänger suchen und die Münchner Musikszene mit härteren Klängen mitgestalteten, was uns die nächsten sechs Jahre auch durchaus gelang. Dirk war leider nicht mehr mit von der Partie, der hatte sich so dermaßen mit Christian überworfen, dass er bereits nach 6 Monaten erst durch Max, den Schlagzeuger meiner allerersten Band, und nach weiteren 6 Monaten durch Charly ersetzt wurde.

Jedenfalls hatten Phantom Lord 1991 drei neue Songs, die sie als Demo aufnehmen wollten: Commision: Paradise, Black Thunder und Going Crazy. Ich sollte das Ganze aufnehmen. Gut, dachte ich, das kann doch nicht so schwer sein. Hören kann ich, was im Studio so abläuft, weiß ich auch, die Aufnahmen mit Schmacki waren eigentlich recht gut, den Klang der Band und die Wünsche von Winny kannte ich zur Genüge, dass man mit dem nöligen Equipment keinen Zaubersound auf Band bringen kann war allen klar, also konnte es losgehen. Was für ein Haupt-Spaß diese Aufnahmen werden sollten, konnte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnen.

Wie bei jeder Aufnahme, so sollte auch bei dieser zuerst das Schlagzeug aufgenommen werden. Da ich es möglichst gut hinbekommen wollte, sollte das Schlagzeug mit möglichst vielen Spuren aufgenommen werden, damit man den Mix des Drumsounds feiner abstimmen kann. Nichts ist blöder als eine zu laute oder zu leise Snare, gell Jürgen? Ein schöner Plan, aber leider zum Scheitern verurteilt, denn es gab zunächst mal nur ein einziges Mikrophon, das diesen Namen auch wirklich verdiente. Natürlich auch nur einen Mikroständer. Winny allerdings wusste Abhilfe. Er hatte aus irgendeinem Grund noch zwei rote Plastikmikros vom Edeka-Grabbelständer auf Lager. Natürlich mit völlig unpassendem Mini-Klinkenstecker, dafür ohne Adapter. Lötkolben war leider auch nicht vorhanden, also nahmen wir einfach irgendein Gitarrenkabel, das eh schon zur Entsorgung bereit lag, bissen die Isolierung mit den Zähnen weg und drehten die Leitungen zu einer passenden Mikro-Stecker-Kombination zusammen. Isoliert wurde das Ganze natürlich mit Tesa-Film - man nimmt, was man hat. (Bei Phantom Lord werden alte Kabel nicht weggeschmissen, sie werden in den nächsten Raum, ins Lager getragen und dort in die berüchtigte gelbe Tasche abgelegt, aus der im Laufe der Jahre ein ogerähnlichess Kabelgespinst allererster Kajüte herangezüchtet wurde. Noch heute findet man mit ein bisschen Geduld abgelegte Gitarrenkabel der Marke "Dr. Böhm Excess" oder "Versi Inferno" in Winnys gelber Tasche und bekommt sofort dieses warme, nostalgische Gefühl, wie wenn man beim Autohändler steht und der einem den neuen Horch, Lloyd oder NSU Prinz andrehen will.) Auf diese Weise bekam ich eine halbwegs brauchbare Mikrophonierung für die Aufnahme zusammen. Das Hauptmikro, Winnys Gesangsmikro, über das mittlerweile Michi singt, stellte ich auf die Snare ein, eines der roten Grabbelteile pendelte von der Decke und sollte Toms und Becken aufnehmen und das letzte Mikro schmiss ich einfach vor die Bassdrums. Nicht schön, aber laut.

Bass und Rhythmusgitarre waren vergleichsweise schnell und unspektakulär aufgenommen, sieht man davon ab, dass ich Peter gerne mal mit heiteren Sprüchen wie "Hast du dich denn nicht vorbereitet? Mann, Kerl! Du weißt doch, dass muss geübt werden, noch und nöcher. Los, mach hinne!" motivierte und Winny sich vor Lachen bog. Bassisten hatten damals bei Phantom Lord keinen leichten Stand, jeden Abend kam mindestens ein "Basssolo! Basssolo!" von Winny oder Blubbi, meistens von beiden oder der Bass war wieder zu laut, der Lauf nicht richtig und überhaupt. Dennoch: Im Vergleich zu dem, was danach kam, waren die beiden echte Aufnahmeprofis.

Denn jetzt kam: Walter. Ich weiß bis heute nicht, warum Walter es über zwei Jahre bei Phantom Lord ausgehalten hat. Er konnte rein gar nichts, hatte absolut übles Equipment (zusammengedrehte Gitarrenkabel waren bei ihm normal) ließ sich eigentlich die ganze Zeit von Winny und Blubbi verarschen und sagte sogar noch "Danke" dazu. Schlimm. Als ich Walter das erste Mal sah, glaubte ich an eine außerirdische Erscheinung. Ein viertel Pfund Gehacktes auf Wanderschaft. Affenähnlicher Gang, ein Oberkörper, der immer seltsam nachpendelte, weil er augenscheinlich in eine ganz andere Richtung wollte wie seine o-beinigen unteren Extremitäten. Dazu unförmige Greifwarzen, die völlig unmotiviert in eine ganz andere Richtung schlenkerten, so als müsste er permanent einen überirdischen Kackreiz bändigen. Das Ganze steckte in einem schmutzigen braunrotem Strampelanzug der örtlichen Kanalreinigerfirma. Seinen Arbeitgeber roch man bisweilen auch sehr deutlich. War Walter sonst auch nicht gerade eine olfaktorische Erbauung, so übergab man sich unmittelbar, wenn er es vor dem Proben nicht nach Hause zum Duschen geschafft hatte. Dazu war er halb blind und auf seine geschliffenen Aschenbecher vor den gelb unterlaufenen Augen angewiesen. Ich habe mal erlebt. als Walter ohne Brille ins Music-Land hineingestolpert kam, auf dem Weg zur Kundentheke drei Gitarren umschmiss und dann grinsend erzählte "Mir is mei Bruin in Kanal nei gfalln." Darüberhinaus war sein Gesicht über und über mit eitrigen Geschwüren überzogen. Akne Conglobata, die schwerste Form der Akne, die unbedingt in ärztliche Behandlung gehört hätte. Walter vertraute allerdings wohl eher auf die Stockhiebetherapie nach Dr. Wassermann, anders wären seine geistigen Ergüsse auch nicht zu erklären gewesen. Das absolut ekligste an ihm war seine Aussprache. Irgendwie hatte er seinen Speichelfluss nicht unter Kontrolle, so dass bei jedem Wort weiße Spuckeflocken durch den Raum flogen und dort mit der Zeit den Wänden jedes Raumes eine eklige, schleimige Patina verpassten. Ich habe mal erlebt, wie er an einer Bierflasche nuckelte, ohne mit der Lippe die typische Öffnung zum Lufteinlassen zu formen. Nein, er saugte wie ein Säugling an der Flasche und ergänzte die verlorene Flüssigkeit dafür nach und nach mit seiner zähflüssigen Altherrenspucke. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen sah ich ihn dabei zu, ähnlich wie ein Kind, das beobachtet, wenn der Metzger gerade sein Lieblingsschwein ausnimmt und die Innereien über den seifigen Boden gleiten. Walter muss es wohl falsch verstanden haben, unterbrach seinen Trinkvorgang und bot mir lächelnd seine Bier-Spucke-Mischung an. Wild fuchtelte ich mit den Armen, Walter zuckte die Schultern, setzte die Flasche an den Hals und machte genau dort weiter, wo er vorher aufgehört hatte. Schrecklich. Aber man soll ja auch nicht direkt in die Sonne sehen.

Walter sollte also die Gitarrensolos einspielen. Ich dachte mir: Okay, lass sich Walter mal vorbereiten, ich nutze die Zeit, um die bereit aufgenommenen Spuren vorab abzumischen, dann können wir in 30 Minuten loslegen. Welch ein Irrtum. Aus den 30 Minuten wurden ca. 2 Stunden: 45 Minuten dauerte es, bis der Verstärker auch nur einen halbwegs brauchbaren Ton von sich gab und nicht nur laut durch die Gegend quietschte. Weitere 45 Minuten gingen dafür drauf, dass Walter die Kabel seiner Bodeneffekte neu zusammendrehen musste. Die alte Verbindung von letzter Woche hatte sich wohl aufgelöst, oder die Ratten, die zeitweise in seinem Verstärker wohnen (wenn mal keine Quietsch- und Pfeiftöne rauskommen), haben sich daraus ein zweites Frühstück bereitet oder was weiß ich, jedenfalls musste Walter erstmal seine Bodeneffekte neu verbinden. Dann brauchte er noch 30 Minuten, um sich erst einmal an die einzelnen Stücke zu erinnern und die Töne und Akkorde von seiner zerebralen Pinnwand ins Arbeitsgedächtnis zu schieben. Krooooooo! 20 Sekunden gingen noch fürs Gitarrestimmen drauf, nun war Walter endlich bereit und wollte spielen.

Das erste Lied war Going Crazy. Dieses Lied fängt mit einem Akustikintro von - genau - Walter an. Eigentlich eine ganz einfache Sache. A-Moll wird rauf und runter gespielt, danach die Subdominante und zum Schluss die Dominante. Das kann jeder. Außer Walter. Was da an Katzenjammereien und unzusammenhängendem Geharse aus der Box schossen, spottete jeder Beschreibung. Nicht nur, dass die einzelnen Akkorde und Läufe kaum als solche zu erkennen waren, zudem war seine Gitarre noch dermaßen verstimmt und bundunrein, dass das resultierende Gejaule meiner Bandmaschine beinahe den Gnadenstoß versetzt hätte. Bei den Solos war's das Gleiche, schlimm zum Anhören, übel zum Aufnehmen, und zudem endete jedes Solo ab einem gewissen Zeitpunkt mit einem lauten Kchchchchchch, weil Walter in seiner unnachahmlichen Art mal wieder mit seinen Plattfüßen auf die zusammengedrehte Stelle eines seiner Kabel trat. Ich konnte nur in mich hineingrinsen und die Klappe halten, Winny wurde derweil immer zorniger. Das Ende vom Lied war, dass Walter komplett von der Aufnahme flog, Going Crazy gleich mit dazu, denn ohne Akustik-Intro war das Lied nicht fertigzustellen und Winny es irgendwie schaffte, ziemlich amtliche Solos zu spielen.

Der Gesang von Winny war überhaupt kein Problem. Alles Take One, Klappe zu, fertig. Eine Freude für jeden Studiotechniker. Dann kam der Backgroundgesang. Ich mischte mal eben von den beiden übrig gebliebenen Songs einen Roughmix zusammen und ließ Peter und Blubbi die beiden übrigen Spuren besingen. Da es sich um reines Gebrülle handelte, konnte man da so gut wie gar nichts falsch machen. Einfach zum richtigen Zeitpunkt "Black Thunder" brüllen und gut. Denkt man. Beim Abmischen hatte ich aber gerade bei Black Thunder immer im Refrain das Gefühl, als spielt da irgendwer etwas komplett anderes. Was kann das nur sein? Winnis Gitarre? Nein. Absolut sauber. Peters Bass? Nöö, basst. Winny? Singt perfekt. Peters Backings? Naja, der schüchterne Peter war quasi unhörbar. Blieb nur... Aaaah ja. Blubbi. Der Typ quietschte das Black Thunder dermaßen schief auf's Band, dass mein armes Teil bereits dunkelrot anlief und kurz davor war, die weiße Fahne zu schwingen. Wie kann man nur einen einzigen Ton so schief singen? Irgendwie hat es Blubbi immer geschafft, anzufangen (natürlich nicht im Timing), dann nach zwei Sekunden begonnen, den richtigen Ton zu suchen und die restlichen fünf Sekunden rauf und runter zu jaulen, ohne seinen Gesangsteil jemals auch nur annähernd zu treffen. Sandaaaaaaaaaaa! Wie eine läufige Bernhardinerin im Käfig mit 20 Yorkshire-Terriern. Herrlich. Natürlich isolierte ich das Gejaule und überreichte Blubbi im Anschluss an die Aufnahmesession eine Kassette mit seinen Sangeskünsten. Winny wollte auch eine.

Der Rest meiner Geschichte ist schnell erzählt: Ich hatte sehr bald keinerlei Bock mehr auf die Hochschule, schlug über das verlorene Semester ein Ei und begann eine Lehre, wie ich es eigentlich wollte. Meine Bassstunden am Wochenende behielt ich natürlich bei, das war schönes Geld zum auf den Kopp hauen. Trotz meiner Münchner Bandgeschichte hatte ich in den Jahren wieder mehr und mehr Bock darauf, mit Winny was Gemeinsames zu machen, seine Qualitäten als Sänger sind, allem Chaosmanagement der ersten Tage zum Trotz, so gigantisch, dass er im Oberbayerischen Raum meiner Meinung nach seines Gleichen sucht. So einen Sänger habe ich trotz vieler Bands in all meinen Jahren nicht erlebt. Also sprach ich 1993 zu Winny den legendären Satz "halt mir die Bassistenstelle frei, ich käme gern wieder zurück." Kurze Zeit später wurde die Stelle tatsächlich frei, Karsten, der Nachfolger von Peter, stieg aus und ich kehrte zurück in meine Lieblingsband. Hurra!

Bild von Holli

Nette Anekdote! Liest sich sauguad und is lustig das D' abbrichst!
 
Nur eine kleine Anmerkung (auf das ich als Zickig bezeichnet werde!): In dem Satz "Brach es aber aus ihm hinaus, so wurde er fast so zickig, wie 15 Jahre später sein jugendlicher Nachfolger Holli " hat sich die Fehlerf... äh Fehlerfalschheit eingeschlichen!!!! Nachfolger stimmt nicht ganz, spiel ja immerhin Gitarre und es sind keine 15 Jahre von '90 bis 2000 oder??!!
 
Stay weiterschreibing
 

Bild von Toml

Servus Holli,

hab's geändert und noch einen Teil über den Walter dazugeschrieben. Viel Spaß beim Lesen (*grins*),

Bis morgen,

Toml