1988 - Übungsraum im Pernloher Keller
Ein kleines bisschen Zeit war seit dem letzten Auftritt inzwischen schon vergangen. Meinereiner fing auch langsam an mit der Gitarrenspielerei ein paar Fortschritte zu machen. Toml zeigte mir ein bisschen was, Oliver, der Bruder vom Postfrosch, das war dem Toml seine frühere Freundin, der auch ein bisschen was an der Klampfe drauf hatte, gab mir auch ein wenig Gitarrenunterricht, so langsam wurde es.
So saßen wir mal wieder beim Saufen im Pernloher Keller bei der Uschi an der Bar, und beratschlagten auch mal wieder über das leidige Thema Übungsraum, von wegen wie und vor allem wo wir endlich einen festen Proberaum ergattern könnten. Als die Uschi, die unserem Gespräch gelauscht hatte sagte: Ich hätte ganz hinten, hinter dem Lager (das ist der Raum, in dem im jetzigen Blackout die Bar ist) noch eine kleinen Raum der eigentlich leer steht, da könntet ihr, natürlich für einen gewissen Obulus, versteht sich, eure Bandproben abhalten. Na wer sagt's denn! Da wir ja sowieso die meiste freie Zeit in dieser Kneipe verbrachten, hätte es sich nicht besser treffen können.
Der Toml hatte dann nach der Episode mit dem Wutzhunter (Ihr wisst schon, Deutschlands Antwort auf Dave Lombardo, Hahaha), beschlossen, sich eine amtliche Knüppelbude zu kaufen und Schlagzeuger zu werden. Es war wirklich ein schönes Teil, ein weißes Sonor Schlagzeug mit Doublebass und allem Drum und dran. Dadurch war ein fester Übungsraum ein Muss geworden, weil das Riesending jedesmal in der Gegend herumzutransportieren war eine logistische Unmöglichkeit.
Ich hatte mir von Postfrosch´s Bruder eine Gitarre zugelegt, eine Aria Custom, Schwarz mit einer wirklich geilen Form, so ein bisschen ähnlich einer BC Rich Warlock. Da musste auch endlich ein vernünftiger Verstärker her. Mit meiner 30 Watt Kratze konnte ich ja kaum mehr mit der Lautstärke des Drumsets mithalten. Also ging ich erst mal die ganzen Musikgeschäfte in Rosenheim abklappern, einen Marshall JCM 900 wollte ich definitiv nicht, erstens, weil den jeder spielte, und zweitens, weil mir der Sound absolut nicht gefiel. Ich hatte ja schon diverse einschlägige Magazine gelesen, und da wurden die Laney-Verstärker in den Himmel gelobt, also wollte ich auch so ein Teil. Also rein ins Geschäft, und da stand er schon. 100 Watt Vollröhre Topteil mit Bassboost, 2 Kanäle, dazu eine 4x 12er Celestion Cabinet 280 Watt Halfstack. Die Box spiele ich heute noch, das Ding wiegt zwar einen Zentner, aber es ist immer noch eine der besten Gitarrenboxen die man sich kaufen kann, außer man ist von Beruf Sohn und Geld spielt keine Rolle, dann kann man sicher oberhalb von 1500 Euro noch was Besseres finden. Aber mir reicht das Ding. Das war doch was für so'n Junggitarristen! Einer der lautesten Gitarrenverstärker, die damals zum Auftreiben waren, zumindest für Leute mit meinem Geldbeutel. Aber groß herumtransportieren war da nicht mehr, somit war der Proberaum ein Geschenk des Himmels.
Und so zogen wir frohen Mutes in den neuen Proberaum ein, und freuten uns, das wir Ausgehen und Bandprobe so praktisch miteinander verbinden konnten. Das lustigste war der Eingang zu der Bude. Da der dahinterliegende Raum wesentlich tiefer als die angrenzenden Räume lag, war die "Tür" oder wie man immer das Loch, durch das man sich durchschlängeln musste nennen wollte, ziemlich nieder geraten. Gerade mal so 1,20 Meter. Selbst für einen Peter Maffay wäre diese zu groß geratene Katzenklappe viel zu niedrig gewesen. Ich glaube der einzige, der diese Hürde ohne Blessuren passiert hat, war der Daxei. Das Betreten des Raumes war ein Gefühl, wie in einen finsteren Brunnen zu springen. Wie oft sich irgendeiner, natürlich zur Belustigung aller Anwesenden, an der Türkante die Rübe angestoßen hat, weiß heute kein Mensch mehr. Aber das war ein zusätzlicher Bonus für uns von Natur aus schadenfrohe Menschen. Es machte uns nach einiger Zeit, nachdem wir uns an die niedrige Viehklappe gewöhnt hatten, nämlich einen Riesenspaß, eventuellen Besuch den Vortritt in das dunkle Loch zu lassen, und zu warten, bis sich der oder diejenige an der Betonkante fast den Schädel eingerannt hatte, um dann scheinheilig zu rufen: "Aufbassn mit da Dürkant'n, de is a bissl nieda". Und wir freuten uns immer wie die Schneekönige, wenn der Betreffende sich laut fluchend die kapitale Beule an seiner Birne rieb, und so sorgte schon die Eingangstür für allerhand Kurzweil.
Aber nun wieder zurück zur Musik. Wie war das geil, endlich mit einem gescheiten Schlagzeug und einem vernünftigen Gitarrenverstärker üben zu können. Die ersten Probeläufe mit meinem neuen Laney waren der Hammer! Vollstoff aufdrehen war in der Räumlichkeit kaum möglich, weil sofort der Putz von der Decke rieselte. War das Ding laut!! Geil! Selbst bei Stufe 4 von 10 kam der DJ von der Metaldisco! angelaufen und fragte, ob wir nicht ein bisschen leiser machen könnten, weil man sonst von der Mucke vorne nichts mehr hört. Und Toml´s Sonorschlagzeug hatte auch einen göttlichen Klang. Er hat es dann später, als er wieder auf den Bass zurückkam an unseren nächsten Schlagzeuger, den Blubby verkauft, so dass wir noch viele Jahre mit dem Ding Spaß hatten. Wen es interessiert: Der Blubber hat es nach seinem Ausscheiden bei Phantom Lord an den Daxei verkauft, der damit bei Luna Aurora jahrelang gespielt hatte. Die waren zu der Zeit Untermieter in unserem Übungsraum in der Kaltenmühle. Die meisten der Luna CDs wurden damit aufgenommen. Und ich habe letztens mal gehört, dass der jetzige Schlagzeuger von Mortuus Infradaemoni wieder mit dem Teil spielt. Sozusagen ein Schlagzeug mit Geschichte. Meinen räudigen Marathon-Verstärker habe ich übrigens auch irgendwann mal an den Daxei verkauft der damit seine ersten Schritte als Gitarrist gegangen ist. Immer ein guter Abnehmer für Phantom Lord Altlasten.
Unserem kreativen Schaffen stand also nichts mehr im Weg. Wir hatten auch eine lustige Zeit in dem Übungsraum, mit diversen Gästen und Gastmusikern, die hin und wieder auch mal einen Joint kreisen ließen. Ich war nie so der Kiffer, und blieb auch zeitlebens lieber bei meinem Alkohol, aber zu einem kleinen Zug zur rechten Zeit sage ich natürlich nie nein. Da sind oft genug Leute eingelaufen, die vor lauter zugeraucht nicht mehr sagen hätten können ob sie Männlein oder Weiblein sind. Es sind auch ein paar ziemlich gute Ideen für Songs dort hinten entstanden, und natürlich auch einige kapitale Räusche.
Aber wie es bei uns schon so oft war, wo Licht ist, ist auch Schatten! Nach einiger Zeit bemerkten wir gewisse Farbveränderungen an Tomls Becken. Ein gewisser Grünstich hatte sich über die vormals schön glänzenden Teile gelegt, was uns anfangs gar nicht mal so auffiel, da wir vorne an der Bar vor dem Proben meistens gut mit Bier, Geiß und viel unangenehmen Schnaps vorglühten, um in die richtige Stimmung zum Abmetallen zu kommen. Wir hatten die normalen weißen Glühbirnen der Deckenbeleuchtung natürlich auch gegen bunte Leuchtkörper ausgetauscht, von wegen besserer Stimmung und so, was den Grünspan auf den Becken natürlich vor unserem Alkoholgetrübten Blick verbarg. Dadurch merkten wir eigentlich erst etwas später, dass das Raumklima in der Butze in etwa dem einer Tropfsteinhöhle entsprach.
So richtig aufgefallen ist es uns eigentlich erst, als sich die ersten Kurzschlüsse im elektrischen Equipment bemerkbar machten. Ich hatte mir in Ermangelung einer gescheiten Gesangsanlage irgendwo (Ich zerbreche mir schon lange den Kopf, wer mir das verkeimte Ding denn damals wohl angedreht haben könnte) so eine Art Gesangsverstärker zugelegt. Das Ding war wohl so ziemlich das übelste Stück Elektonikschrott, das man an eine Steckdose anschließen konnte. Der Sound dieser sinnlosen Verschwendung von Widerständen, Platinen und Transistoren bewegte sich irgendwo zwischen dem Gekrächze eines kastrierten Papageis mit Kehlkopfkrebs im Endstadium, und dem mißtönendem Gejammer einer Gans, die gerade eine Ladung Vogelschrot in ihren fetten Pöter geschossen bekommen hat. Von den gehörgangbrechenden Rückkopplungen will ich gar nicht reden. Wir nannten diesen Antichrist unter den Verstärkern nur: Die Krähe. Aber damals war ich ja schon froh, überhaupt etwas zur Gesangsverstärkung zur Verfügung zu haben, weil meine Finanziellen Möglichkeiten nach dem Kauf einer Gitarre und eines Verstärkers mit Box dann doch ziemlich erschöpft waren, und zu einer richtigen Gesangsanlage reichte es dann natürlich nicht mehr. Und unverstärkt gegen Drums und Gitarre anzubrüllen schaffte nicht mal ich mit meinem Organ.
Ich stand also mit der Gitarre in der Hand vor meinem Mikro, welches natürlich auch nicht gerade der obersten Preisklasse entsprach, und spielte und sang so friedlich vor mich hin, als ich ohne Böses zu ahnen mit den Lippen das Mikrophon berührte. Böser Fehler! Wir hatten leider noch nicht mitbekommen, dass die ganze verdammte Anlage pitschnass war und unter Strom stand, und ich durch die Berührung mit diesem Mistteil anscheinend eine Erdung herstellte. Auf jeden Fall bekam ich von dem Scheißmikro dermaßen einen Stromschlag auf die Fresse, dass mir Hören und Sehen verging. Stinksauer prügelte ich erst einmal das Mikro mitsamt Ständer in die nächste Ecke, und wollte dann den vermaledeiten Drecksverstärker ausschalten, worauf ich beim Anfassen desselbigen gleich nochmal einen Stromschlag bekam. Der Toml konnte mich gerade noch von meinem Vorhaben abhalten, denn wutschnaubend, wie ich nachvollziehbarerweise in dem Moment war, wollte ich diese Seuche von einem Verstärker umgehend in Splitterholz verwandeln ( ich bin normalerweise ein ziemlich ausgeglichener Mensch, aber ich kann ziemlich cholerisch reagieren, wenn Werkzeuge oder Geräte nicht so funktionieren wie sie sollen ). Also schauten wir uns das Teil erst mal näher an.
Wo hat das Teil denn die Sicherung? fragte der Toml dann.
Weiß ich auch nicht, sagte ich, schaun wir halt mal nach.
Und nachdem wir das Ding mal umgedreht hatten, fanden wir dann auch die Sicherungsbuchse. Wir dachten, uns trifft der Schlag! Statt einer Sicherung steckte dort doch tatsächlich ein Stahlnagel drin! Ich habe nicht viel Ahnung von allem was mit Strom zu tun hat, aber das das Scheiße ist, war auch mir als Laien klar. Da braucht es einen dann nicht zu Wundern, wenn da mal so ganz unverbindlich 220 Volt über das Mikrokabel durchschlagen. Als wir uns dann mal im Proberaum genauer umsahen, wir hatten inzwischen ein paar der bunten Glühbirnen wieder durch weiße ersetzt um beim Rumbasteln am Verstärker besseres Licht zu haben, und der Alkoholspiegel war in der Zwischenzeit auch wieder so weit gefallen, dass wir wieder geradeaus schauen konnten, fiel uns auf, dass im Eck eine ziemlich große Wasserlache war. Was heißt hier Wasserlache? Ein ganzes Biotop, komplett mit Algenbewuchs und Bewohnern, die sich lustig in dem sich noch immer vergrößernden subterranen Habitat tummelten und vermehrten. Wenn jemand schon mal den Film "Evolution" gesehen hat, dann weiß er von was ich spreche. Das Tropeninstitut hätte seine helle Freude daran gehabt. Von den Wänden rann ein fröhlich sprudelnder Quell, und ich spreche hier nicht nur von einem harmlosen Rinnsal, sondern von einem ehrfurchtsgebietenden Wasserfall der den Vergleich mit den Tatzelwurmfällen nicht wirklich zu scheuen braucht. Toml bemerkte nun auch, dass der grünliche Schimmer auf seinen Becken nicht wie er immer dachte von dem Grünen Deckenstrahler, sondern von einem schon ziemlich an einen gut getrimmten Englischen Rasen erinnernden Bewuchs derselbigen stammte.
Irgendwie machte sich etwas Betroffenheit bei uns breit. So praktisch der Übungsraum auch war, so konnte es nicht weitergehen. Wenn wir nicht in den Hängetoms seltene Pilze und Bakterien züchten, oder uns der Aufzucht von blinden Grottenmolchen oder anderem lichtscheuen Getier widmen, oder Champignons anbauen wollten, selbst der Aufzucht von Forellen währe nicht viel im Weg gestanden, mussten wir uns einen anderen Proberaum suchen. Anfangs dachten wir daran uns einen Raumentfeuchter zuzulegen. Doch bei der Menge an Wasser, denn von bloßer Feuchtigkeit konnte keine Rede mehr sein, hätten wir alle Baumärkte in Rosenheim leerkaufen müssen, und dann hätte es immer noch nicht gereicht. So konnten wir diese Option getrost vergessen. Wir stellten fest, das die Suppe immer dann von der Decke lief, wenn es draußen regnete. Das heißt, die halbe Fläche des Parkplatzes im Innenhof lief in das Mauerwerk das offensichtlich so aufnahmefähig wie ein Schwamm war, und immer noch ist, und gab die Siffe am tiefstgelegenen Raum, also unserem Übungsraum langsam wieder ab. Dadurch trocknete der Boden eigentlich nie, so das die Bude auch in Trockenperioden so feucht war wie ein Regenwald zur Monsunzeit. In der Ecke hätte man Reis anbauen können, wenn genügend Licht vorhanden gewesen wäre.
Also war's das dann mit diesem Proberaum. Eigentlich schade, weil die Akustik war gar nicht mal so übel, der Raum war zumindest für unsere damaligen Ansprüche groß genug, er war einbruchsicher, zur Kneipe waren es nur 10 Meter und es waren eigentlich immer genug Leute zum Zuschauen dabei. Mit Publikum macht es einfach viel mehr Spaß, das ist bei uns Heute noch so. Und vor allem: Wir konnten jederzeit spielen wann immer wir auch Bock dazu hatten. Quasi from dusk till dawn. Manchmal hörten wir einfach auf, gingen mal für 2 Stunden vor in die Kneipe und spielten später, wenn wir dann wieder Lust dazu hatten, weiter. Alles in allem war es eigentlich eine geile Zeit in der Bude, wenn nur das Feuchtraumproblem nicht gewesen währe.
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Bruharrharr. Ist trotzdem jetzt schon geil. Ich musste mich bereits zweimal vom Boden aufrappeln...
Dat is wohl war, ich hab schon Bauchweh. Schade, das ich erst später dazukam, da hab ich so einige geile Dinge versäumt
Stay Bodentrash
Hi Winny,
was mir noch eingefallen ist, ist die lustige Art den Raum zu betreten: etwa einen Meter in de Tiefe springen, sich danach den Kopf halten, weil man - gerade im besoffenen Zustand - sich die Rübe oben anschlug, denn das Loch ist nur gefühlte 50 cm hoch... Irgendwie hatte das Ganze was von "ab in den Brunen"...
Ich werde es als nächstes auf mich nehmen, über die Zeit meines Ausscheidens zu schreiben. Muss ja sein. Stinkt mir heute noch, dass ich damals so doof war. Naja, egal.
So, ich habe die Änderungen eingebaut. Viel spass beim Lesen.
Hi Winny,
prima. Dann werde ich morgen mal das Ganze noch ein klein wenig orthographisch übermangeln, viel hab ich eh nicht gefunden und dann haben wir schon wieder ein Jahr drin. Ich komm übrigens morgen mal vorbei, um die Anlage zu holen.
Stay authoring,
Toml
So, ich habe nun noch ein par Rechtschreibgeschichten rausgenommen, damit sollte es fertig sein. Wo bringen wir eigentlich die Story mit meinem verwarzten Fiat rein? Machst Du das im 1989er Kapitel, das Du gerade schreibst?
Tja, das muss sein, aber an sich hatte es ja auch was gutes, denn die ganzen Waltersachen und so weiter währen sonst so warscheindlich nie passiert. Wär ja eigentlich auch schade, denn dann hätten wir einige sehr lustige Sachen verpasst. Und außerdem hat es wohl nicht geschadet, dass mal einer von uns aus dem Kaff rauskommt, schaut wie es woanders ist, und dann gefüllt mit neuen Erfahrungen wieder zurückkommt.
Hi Winny,
so, ich hab's gemacht. De Lücke müssen Du und Michi irgendwie noch füllen. Wichtig ist hier natürlich auch das Traunreuther Konzert. Ich würde als nächstes gerne die Funfack-Story übernehmen, was meinst?