2009-07-27: Malen nach Klopfern
So, seit zwei Wochen haben wir mit der Aufnahme von The Root of all Evil begonnen. Derzeit nehmen wir das Schlagzeug der Preproduction auf. Diesmal muss vor allem dem Schlagzeuig deutlich mehr Energie gewidmet werden, damit wir nicht wieder so ein suboptimales Ergebnis erhalten wie auf Rules oder Magma. Die Herausforderung dabei ist es, eine gute Mischung der Stärken von Magma und Rules hinzubekommen, ohne die Schwächen mitzunehmen. Denn auf der Magma war das Schlagzeug komplett programmiert, das heißt, ich habe mich hingesetzt und Wolfis Schlagzeugparts 1:1 als MIDI-File nachgemalt. Der Vorteil daran ist, dass man Soundtechnisch alle Möglichkeiten hat, da das MIDI-File ja nur die Anschläge weitergibt, den eigentlichen Schlagzeugsound macht dann ein zu definierendes Soundmodul. Heftiger Nachteil dieser Variante ist es jedoch, dass das Schlagzeug auch wie ein Drumcomputer klingt. Sowas hört man gleich und ist unter dem Schlagwort "Maschinengewehrsound" nur allzu unbeliebt. Auch habe ich persönlich noch kein gesampeltes Becken oder HiHat gehört, welches einigermaßen echt klingt. Das wollen wir also nicht.
Auf Rules ließen wir Wolfi also sein Schlagzeug selbst einspielen. Das klingt deutlich dynamischer und echter, hat aber den Nachteil, dass man, wenn die Aufnahme steht, im Nachhinein den Sound nicht mehr wirklich anpassen kann. Das Schlagzeug auf der Rules klingt also leer, dünn und schwach. Und gegebenenfalls werden auf der fertigen CD etwaige Verklopfer und Timingschwankungen schön mit übernommen. Nur zur Klarstellung, unser Wolfi hat in keinster Weise Timingschwankungen in seinem Schlagzeugspiel, das kann ich jetzt sogar mathematisch beweisen! (Siehe unten) Jedoch bleibt das Soundproblem und die Tatsache, dass man etwaige Fehler sofort hört.
Die Idee für den Schlagzeugsound auf unserer neuen CD besteht nun darin, die Stärken beider Methoden zu vereinen: Wolfi spielt sein Schlagzeug selbst ein, die Kessel lassen wir über MIDI laufen, damit wir beim Mischen mit Wolfis D5-Sounds spielen können, die Becken bleiben Natur, die klingen einfach besser. Dazu ist es aber notwendig, dass Wolfi absolut im Timing spielt, er also praktisch das Gefühl hat, er würde das Lied mit uns im Übungsraum spielen, weil wir ansonsten ziemliches Chaos produzieren würden.
Wir nehmen also vor der eigentlichen Produktion alle Songs auf Guidespuren auf, die Schlagzeug, Gitarren, Bass und Gesänge enthält. Dann kriegt Wolfi das Ding auf den Kopfhörer, wobei das Schlagzeug durch einen Klick ersetzt wird. So kann er die Songs 1:1 nachspielen und die einzelnen Teile landen genau so auf der Aufnahme, wie sie sollen. Ausgangspunkt jeder Aufnahme auf der neuen CD sind also unsere Stücke wie wir sie im Übungsraum spielen - keine nachprogrammierte Scheiße.
In den letzten zwei Wochen haben wir daher alle neun Songs der CD im Übungsraum so lange gespielt, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden waren. Dabei wurde das Schlagzeug aufgenommen, und zwar auf sieben Spuren: BassDrums, Snare, Hohe Toms, Tiefe Toms, HiHat, Becken links und Becken rechts. Jetzt musste ich aus den Schlagzeugspuren MIDI-Files herstellen, die exakt dem Tempo entsprechen, wie wir es im Übungsraum spielen und die Wolfis Geklopfe 1:1 wiedergeben. Da ich für diese Herausforderung einige Tage im Web verbrachte, um die Lösung für genau dieses Problem zu finden, beschreibe ich mein Vorgehen an dieser Stelle mal ein bisschen ausführlicher, damit alle, die das auch machen wollen und über Google nach einer Lösung suchen, eine schöne Anleitung bekommen. Und ich auch, wenn ich das in einem Jahr wieder brauche! Man vergisst ja so schnell...
- Die Aufgabe: Drums nach Midi konvertieren
- Die Tools: Cubase (Essential 4), KTDrumTrigger
Schritt 1: Importieren der Wave-Files in Cubase
Ich habe mich dazu entschlossen, für alle Songs ein gemeinsames Cubase-Projekt zu verwenden. Das Ganze ist zwar ein wenig unübersichtlich, dies kann aber durch eine gut gepflegte Markerspur einigermaßen in den Griff gebracht werden und ich muss vor allem die Effekte nicht jedes mal neu einstellen. Außerdem habe ich dann gleich eine komplette Tempospur für unsere eigentliche Aufnahme und muss den ganzen Aufwand nicht zweimal betreiben. Ich importiere also alle Wav-Files mit Wolfis Schlagzeugaufnahme in Cubase, lege die einzelnen Schlagzeugspuren jeweils auf eine eigene Audiospur und dopple die Becken rechts, weil ich aus dieser Spur sowohl Ride- als auch Crash-Becken isolieren möchte. Zwischen den einzelnen Songs lasse ich genügend Platz, damit die Tempoanpassung keine Überlagerungen nach sich zieht und wir noch etwaige Intro- und Keyboardschweinereien hinzufügen können. Danach hör mir das Ganze erstmal durch, ob es einigermaßen stimmig ist. Wenn alles okay ist, geht's weiter mit dem zweiten Schritt.
Schritt 2: Herauslesen der Tempi
In jeder Band auf diesem Planeten haben Schlagzeuger die Wahl, ob sie mit Klick spielen oder nicht. Ein Klick im Ohr frisst Kreativität, macht aber den folgenden Schritt unnötig. Wir spielen ohne Klick, das können wir machen, weil Wolfi in den einzelnen Teilen sein Tempo sehr gut hält und nur zwischen den Teilen das Tempo variiert. Meiner Meinung nach machen diese Variationen auch zum Teil den Charme unserer Stücke aus: Jeder Teil erhält das Tempo, welches er verdient, es geht nicht permanent gerade auf 120bpm sondern atmet die Dynamik, die wir brauchen. Das macht natürlich das Einsampeln und Aufnehmen ein bisschen schwierig, da wir um eine Tempospur nicht herumkommen. Das Ganze klingt aber aufregender, als es ist, denn man muss nur zählen können.
Beim Herauslesen der Tempi und Erzeugen der Tempospur gehe ich "Teileweise" vor. Ich springe also von einem Teil zum nächsten (Intro, Strophe, PreChorus, Chorus, Solo, ...) und setze einen Loop, also den linken und rechten Lokator um diesen Teil. Achtung: Für den nächsten Schritt, dem Schneidem des Loops darf kein Teil ausgewählt sein, am Besten nochmal bewusst in den leeren Bereich unter den Spuren klicken.
Mit Bearbeiten->Am Loop beschneiden schneide ich bei allen Spuren diesen Teil aus, was für die folgende Tempoberechnung sehr wichtig ist. Danach höre ich den Teil nochmal durch, und zähle, wie viele Takte dieser Teil enthält. Jetzt kann ich das Tempo berechnen und wähle dazu den gerade herausgeschnittenen Teil - und nur diesen Teil - mit einem Mausklick aus. (Es genügt übrigens, benn ich ihn in nur einer Spur auswähle.) Wenn dies getan ist, gehe ich nach Projekt->Tempo berechnen und trage in das Eingabefeld "Anzahl der Zählzeiten" die eben herausgezählten Takte mal 4 ein, da für Cubase eine Zählzeit ein Viertel lang ist. Danach klicke ich einmal kurz in das BPM-Feld und erhalte das Tempo für diesen Teil. Mit einem Klick auf "In Tempospur eintragen->Zu Beginn des ausgewählten Teils" sorge ich für das Weiterwachsen meiner Tempospur. Bitte nur diesen Knopf klicken, alles andere führt dazu, dass man nochmal von Vorne beginnen muss. Das könnte im achten Song ein wenig ärgerlich sein, wenn man es zu spät bemerkt und die "Rückgängig"-Schritte ausgereizt sind...
Wenn man das Fenster schließt, stellt man fest, dass die nachfolgenden Spuren verrutscht sind. Klar, da das Berechnen des Tempos die eigentlichen Files nicht angreift, vergrößert oder verkleinert sich der Bereich, den der eben berechnete Teil benötigt. Man kann die Spuren hinter dem Teil aber einfach an die richtige Stelle setzen (Raster einschalten nicht vergessen!).
Wenn man kontrollieren möchte, ob man richtig gearbeitet hat, schaut man sich einfach die WavFiles an. An den Becken oder Snare kann man prima ablesen, ob die einzelnen Teile zur neuen Taktung passen. Wenn nicht, hat man sich wohl beim Takttzählen oder Rechnen vertan. Kein Problem, einfach ein paar Mal auf "Rückgängig" und das Ganze nochmal von Vorne.
Bevor ich mit dem nächsten Teil weitermache, lege ich mir einen so genannten CircleMarker um den Loop. Das hilft mir später, beim Quantisieren, die einzelnen Teile wieder zu finden. Ganz zum Schluss loope und markiere ich übrigens einen kompletten Song, das ist z.B. beim Export sehr, sehr zeitsparend. Die Markerspur kann man übrigens editieren, die Zeit sollte man sich auch nehmen, denn es ist leichter, einige Teile mit Hilfe des Klarnamens wiederzufinden, anstatt mir nichtssagenden Zahlen zu operieren.
Am Ende eines Songs hat man nun die komplette Tempospur, die man sich unter Projekt->Tempospur ansehen kann. Bitte hier noch nichts ändern, sonst ist alles wieder dahin. Erfreuliche Erkenntnis bis dahin: Wolfi ist zum Teil echt eine Maschine. Wenn ein Teil eine von ihm definierte Geschwindigkeit haben soll, dann hat der die auch. Selbst wenn zwischen Strophe 2 und 3 ein langsamer Zwischenteil kommt, klopft Wolfi nach diesem Teil wieder mit der alten Geschwindigkeit weiter. Die Unterschiede liegen bei unter einem Prozent - Respekt! (Soviel zum oben angesprochenen mathematischen Beweis)
Schritt 3: Einsampeln der MIDI-Files
Erst, wenn die Tempospur passt, sollte man mit der Aufnahme der MIDI-Files starten. Ohne eine genaue Tempospur kriegt man das Ganze niemals vernünftig eingesampelt uder quantisiert, es kommt nur Kraut und Rüben heraus. Für diesen Schritt habe ich am längsten gesucht, die meisten Anfragen in dieser Hinsicht werden in den Foren mit "das geht nicht", "selber malen macht klug" oder "braucht kein Mensch" beantwortet (oder kosten Geld, mindestens 300 Euro muss man auf den Tisch des Hauses legen und alle Demoversionen, die ich ausprobiert habe, führten zu absolut unbefriedigenden Ergebnissen). Nach langem Suchen fand ich dann genau das, was ich suchte: Das VST-Plugin KTDrumTrigger. Dieses Modul nimmt den Akustiksound z.B der BassDrum, leitet ihn durch eine Anzahl von Filtern, erkennt die Anschläge und generiert einen virtuellen MIDI-Ausgang, den ich später als eine Quelle für die Aufnahme des MIDI-Sounds benutzen kann. Laut Angabe der Homepage geht das Ganze auch mir allen Kesseln und Becken auf einer Spur, das möchte ich aber bei unseren Geschwindigkeiten bitte nicht probieren.
Zunächst legt man auf jede Schlagzeugspur den KTDrumTrigger als Insert-Effekt fest. Nun muss man für jeden Teil die Einstellung finden, bei der möglichst alle Schläge (und wirklich auch nur die) gefunden und getriggert werden. Man sieht, dass es funktioniert, wenn in der durchlaufenden Wellenform im Kontrollfenster kleine blaue Kreise zu den Zeiten zu sehen sind, wenn Wolfi auf den entsprechenden Kessel einschlägt.
Folgende Einstellungen sind wichtig:
Bei Wolfis schnellem Geklopfe muss man die Release-Zeit sehr weit nach unten setzen, sonst schluckt er jeden zweiten Anschlag der BassDrum (Hier zahlt es sich aus, dass wir die Kesselei komplett trocken aufgenommen haben.)
Die MIDI-Note sollte für jeden Kessel und jedes Becken gleich hier passend eingestellt werden, sonst wird es nachher sehr aufwändig. Entsprechende Standard-Drumsets findet man im Internet.
An den einzelnen Filtern muss man ein bisschen herumspielen, damit es passt, aber das Ganze dauert nie länger als 1-2 Minuten und man hat ein optimales Ergebnis. Hier kann man auch trennen, ob man das Ridebecken oder die Crash-Becken eingesampelt haben will, wenn man blöderweise nur noch ein Mikro hatte und beides auf einer Spur aufnehmen musste. Ein Doppeln der Spur und das Anlegen verschiedener Filter wirkt wahre Wunder.
Nun kann man für jede Schlagzeugspur eine MIDI-Spur erzeugen, den MIDI-INPUT auf den entsprechenden KTDrumTrigger-Kanal stellen, jeweils die Aufnahme aktivieren und das Ganze einsampeln. Das Ergebnis überzeugt in der Regel auf den ersten Versuch, und man bekommt 8 MIDI-Spuren mit den einzelnen Schlagzeugteilen.
Um diese MIDI-Spuren zu einer einzelnen Datei zusammenzufügen, erstellt man am Besten ein neues Instrument, schiebt die MIDI-Spuren hinein und verbindet das Ganze mit dem Klebewerkzeug (7x Klicken fügt alle 8 Spuren zu einer zusammen). Jetzt beginnt die mühselige Arbeit des Quantisierens.
Schritt 4: Quantisieren
Auf der Guideaufnahme sollte man quantisieren. Auf der eigentlichen Aufnahme nicht mehr, hier schiebt man nur die Verklopfer an die richtige Stelle, lässt aber den Rest so, wie Wolfi ihn spielt, sonst klingt das Ganze nur noch nach Computer. Man braucht aber eine vernünftige Guideaufnahme, damit Wolfi beim Einspielen alle Instrumente und die Tempospur als Klick erhält. Was jetzt noch kommt, ist Standard: Man öffnet den Schlagzeug-Editor und quantisiert die einzelnen Schläge bzw. malt etwaige Verklopfer neu, indem man die eigentliche Aufnahme als Referenz verwendet und entsprechend editiert.
Es empfiehlt sich, beim Quantisieren immer kleine Teile auszuwählen, die in etwa die gleiche Anschlaggeschwindigkeit haben, und diese mit der größtmöglichen Rate zu quantisieren. Hier werden die Ergebnisse am Besten und mann muss nur noch etwaige Fehler ausbügeln.

Als Ergebnis erhält man nun eine sauber programmierte Schlagzeugspur, mit der man nun im Übungsraum die Guideaufnahme angehen kann. Nächsten Freitag fangen wir damit an. Seit gespannt, was da noch kommt...
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Wirklich sehr gut erklärt Herr Doktor!
Respekt vorm Dampfschiff!
Auch wenn sich mir beim Lesen immer häufiger ein Bild von Bahnanlagen mit mindestens einer Weiche, wo Züge beginnen, enden, ausweichen oder wenden dürfen, vor's geistige Auge schob, naja, man muss ja nicht alles verstehen, wär ja langweilig!
Super find ich auch den mathematischen Beleg für die maschinengleiche Leistung unseres Wolfis! (nein, Schurl, nicht "unseres Wollviehs"! Nix mÄÄÄÄÄHHHHHHHÄÄÄÄHHHHHH) Sorry, konnt's mir nicht verkneifen!
Auf alle Fälle haben endlich alle Nörgler, Denunzianten, Besserwisser und Pedanten (Kurz: alle Bandmitglieder UND Daxei) ausgschissen denn WOLFI RULES !
Stay oiled, Drummachine
Da kannste mal sehen. Wer hätte gedacht das das was ich da schief sitzend veranstallte dann doch gerade ist.
Werde mir bei Root alle Songs noch einmal vornehmen und versuchen mehr Kreativität einzubinden. Ist ja dann mit der Guidespur kein Problem verschiedenste Dinge durchzuprobieren, wozu im Proberaum sonst oft die Zeit fehlt.
Freue mich schon wie sau auf die neuääääähääääää (hallo Schurl) Scheibe. Für das hoffentlich hervorragende Ergebnis
sorgt besonders auch der Toml, der sich da Sound und Studiotechnisch voll ins Zeug wirft.
Stay kreativ
Nur so ganz durchsteigen tu ich da nicht. Dat is mir zu Technisch am seien tun!
Und zum Wolltier, ääh vieh, whatever... sag sowas nicht, sonst traut er sich dem Schurl nicht mehr den Rücken zuzudrehen oder gar die heruntergefallenen Drumsticks auf zuheben, usw....(hihihi)
Stay määäääääääääh!
Ist egal, das ist ja unter anderem gedacht für so arme Schweine wie mich, die die gleiche Idee und Cubase haben, und gerne ein Akustik-Drumset in MIDI umwandeln möchten, aber dafür im Netz keine Lösung finden. Und natürlich auch als Gedächtnisstütze für mich ;-) Ich will nicht nochmal 5 Tage rumsuchen, bis ich es gefunden habe.
Solange man beim Schurl nicht määääääht, sehe ich keine konkrete Gefahr.
Stay Klopfpainting!
Super erklärt,
mei da könnt ich doch glatt selber dem Siegel Konkurrenz machen :D
nee das lass ich besser mal, aber bei der Mühe die ihr euch gebt wird das Album bestim Phenomenal, oder eher Phantominal?
Hm... iwo in diesem vermaldeiten Kalender muss doch noch ein freier Freitag sein *such*