1999 - Pause und Neuanfang 2 (Toml)


By Toml - Posted on 06 Juni 2009

Warum es trotz Magma ein Jahr später zur großen Pause der Band kam, die immerhin fast vier Jahre andauern sollte, möchte ich nun auch aus meiner Perspektive erzählen. Winny hat ja schon einiges über unsere Pause vorgelegt, dem möchte ich auch nicht widersprechen, sondern nur noch ein bisschen was hinzufügen, schließlich haben wir uns ja lange Zeit nicht gesehen und da gibt es viel Unterschiedliches. Aber der Reihe nach:

Ich hatte 1998 mein Studium abgeschlossen und bekam schon vor der Prüfung das Angebot aus Regensburg: Einer meiner Dozenten war inzwischen Prof. geworden und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm nach Regensburg zu kommen, dort an der Uni zu arbeiten und nebenbei noch meinen Doc. zu bauen. Das Ganze sei auf vier Jahre beschränkt und nur eine halbe Stelle (was an der Uni durchaus die Regel ist), ich bräuchte also noch eine weitere halbe Stelle, aber insgesamt war das Ganze doch sehr verlockend. Zumal ich in Starnberg eine zweite halbe Stelle recht schnell gefunden hatte. Also fuhr ich ab Oktober 1998 Montag bis Mittwoch nach Regensburg, ärgerte dort tüchtig meine Studenten und war ab Donnerstag wieder in München, so dass Bandmäßig eigentlich alles klar laufen konnte.

In Regensburg war es extrem geil zu arbeiten. Alles ein bisschen kleiner und ruhiger als in der Großstadt, gemütliche Oberpfälzer, angenehme Kollegen und ich konnte schön gemütlich meine Studenten ärgern.

Eine kleine Anekdote aus dieser Zeit soll an dieser Stell nicht verschwiegen werden: Im Sommer 2000 enddeckte ich das Radio PSR Sinnlos Telefon-Soundfile, in dem ein Media-Markt Mitarbeiter von einem sächsisch sprechenden Choleriker verarscht wird. Es geht hierbei um eine Reklamation eines Videorekorders, die ein wenig aus dem Ruder läuft ("Ich werd nomma bleede mit die Scheiße hier. Wie gehtn das? Zweihundert Puls habbisch. Bald. Braaaagh!" - wer es nicht kennt: Einfach mal danach suchen. Es lohnt sich.). Das Ding schlug bei uns ein wie eine Bombe und wir unterhielten uns mindestens zwei Monate nur in schreiendem sächsisch. Eines Tages saß ich mit meiner Mitarbeiterin Andrea im Büro und wir hatten wieder eine konstruktive Besprechung ("Ich schmeiß die Scheiße ausm Fenster raus! Scheiße!" - "Aber den Videorekorder haben sie angeschlossen an den Fernseher..." - "Kabel, alles dran. Ich hab sogar eine Cassette. Scheiße!"). Andrea hatte Tränen in den Augen vor Lachen und konnte sich nicht mehr halten, also lief sie aus dem Zimmer, raus auf's Klo. Draußen saßen zwei Studentinnen, die sie völlig verstört anblickten und fragten: "War das jetzt dein Chef, der so rumgeschrien hat?" Andrea wischte sich die Lachtränen aus den Augen und murmelte nur "Mnj!" - "Ja, warum kündigst du denn ned? Des is ja furchtbar?" - "Mböööhööö, ich brauch das Geld...", brachte sie noch raus und eilte dann schnell um's Eck. Und da frag noch einer, wie ich zu meinem Image kam...

Ich habe mich übrigens zwei Monate später gerächt. Andrea bewarb sich auf ein Praktikum bei E-On, und wie jeder Praktikant musste sie eine ärztliche Untersuchung incl. Drogenscreen mitmachen. Aus irgend einem Grund war der Test positiv. Andrea meinte, das sei ein Medikament gewesen, welches sie zu dem Zeitpunkt nehmen musste, was ich ihr auch glaube, denn diese Frau war so dermaßen brav und schüchtern, die würde es gar nicht wagen, irgendwas außer Gesundheitsfraß und Tümpelwasser zu sich zu nehmen. Das Ganze klärte sich dann auch sehr schnell, es war wirklich das Medikament. Naja, jedenfalls rief an dem Nachmittag ihre Mutter an und dieses Mondkalb erzählte ihr natürlich brühwarm von dem positiven Drogenscreen, woraufhin ich die nächsten 15 Minuten ständig "Nein Mama, ich nehme keine Drogen! Nein echt Mama. Ich nehme kein Drogen. Wirklich, Mama!" hören musste. Irgendwann war es mir zu blöd und ich fragte sie in angemessener Lautstärke: "Ach. Dann sind das also nicht deine Drogen, die wo dahinten rumliegen, ja? Und dass du so nach Rauch stinken tust, hat ja wohl auch nichts zu bedeuten, oder?" Das Gespräch dauerte nach diesem unschuldigen Einwurf noch ca. eine Stunde und ich bekam danach einen tüchtigen Anschiss von ihr, aber das war es echt wert!

Bei Phantom Lord lief derweil alles seinen gewohnten Gang. Trotz Magma mussten wir hinter Auftritten herlaufen wie der Teufel hinter der armen Seele, uns anbieten wie Sauerbier und die Wirte anbetteln wie einen lahmen Gaul, um irgendwas zu bekommen. So richtig zusammen ging aber nichts. Die Auftritte, die wir machten (Brooklyn, Blackout) waren zwar im Großen und Ganzen okay, aber trotzdem waren meistens nur 10-30 Leute da, die uns hören wollten. Damals war eine schlechte Zeit für Live-Musik, das ist heute ganz anders, aber man ging damals nur sehr ungern auf Konzerte. Und dann noch diese laute und rumplige Rosenheimer Band, die diese schnelle Musik spielt - neee, da bleib ich mal lieber zuhause und tu Glücksrad gucken. Damals hörte man eher Grunge oder Britpop, guter Metal war komplett out und konnte keinen Hund hinter dem Ofen hervor locken. Und, seien wir mal ehrlich, wir waren damals noch keine eingespielte Einheit, so wie heute, wo jeder ziemlich blind weiß, was der andere tut und alle die Songs im Schlaf können. Es war halt doch noch ein wenig verkrampft, Übungsraumig, zudem waren unsere Songs noch nicht bekannt (bis auf die Coverversionen) und wir waren noch nicht Kult im Landkreis. Heute dürfen wir ohne eigene Kracher wie "Mighty Schurlossos", "Swordtime" und vor allem "10 Halbe Bier" nicht mehr von der Bühne und Daxei, also Nathaniel von Mortuus Infrademoni steht loyal bei jedem Konzert vor der Bühne, schüttelt seinen Kopf, freut sich über "The Isle of the Thousand Uncles" und pogt bei "Yellow Submarine" mit Winny rum, weil Winny bei dem Lied nicht mitspielt und dabei immer gerne ins Publikum geht. Naja, pogen. Er rennt auf Winny zu, Winny steht eigentlich nur da, rumpelt beim Auftreffen von Daxei ein bisschen mit dem Bauch nach vorne und schaut zu, wie Daxei vom eigenen Schwung angetrieben zehn Meter weiter weg auf dem Boden aufkommt.

Damals, 1999, waren wir jedoch ziemlich desillusioniert. Wir hatten eine richtig gute CD aufgenommen, waren heiß auf's Spielen, aber bei jedem Konzert war irgend ein fader Beigeschmack dabei. Immer passte irgendwas nicht. Mal waren zu wenig Leute da, mal waren alle unzufrieden mit ihrem Gespiele (vor allem der Michi) und wir fragten uns langsam aber sicher, warum nichts vorwärts geht. Nicht, dass mich einer falsch versteht. Ich habe überhaupt keine Lust darauf, Profimusiker zu werden. Das ist mir eindeutig zu viel Stress, zu wenig kreative Freiheit und zu viele Leute, die mir sagen wollen, was ich tun soll. Mein Wunsch, und ich glaube, der Wunsch aller Lordler, waren zehn schöne Auftritte im Jahr vor einer dreistelligen Zahl von Zuhörern, denen gefällt, was wir machen und mit denen wir nach dem Konzert noch schön feiern können. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Und weniger war es damals definitiv. Zwei Konzerte pro Jahr vor, im Schnitt, 30 Zuhörern, die meistens noch gelangweilt an der Bar stehen, ist nun wirklich nicht das, wofür man sich Woche für Woche plagt. Also gingen wir auf Spurensuche und fragten uns, warum es nicht funktioniert. Wir kamen auf Wolfi.

Nun ist unser Rumpelzwerg, wie wir alle, natürlich nicht die göttliche Erfüllung an seinem Instrument. Das sind wir alle nicht, auch Wolfi spielte damals auf dem gleichen Niveau wie wir alle. Das Blöde am Schlagzeug ist leider: Du hörst jeden Fehler, zumal Wolfi seinen Kram triggert. Aber eigentlich lag es nicht daran. Winny vergisst auch beim Proben gerne mal seinen Text oder ich rumple irgendwas am Bass, weil mir die Grundtöne nicht einfallen. Aber wir waren unzufrieden, angenervt und mies drauf und reagierten so, wie alle dummen Jungs reagieren: Wir suchten uns einen Sündenbock. Und, das sei zu unserer Schande angemerkt, es war leicht, in Wolfi den Sündenbock zu suchen und auch zu finden. Wir drei anderen kennen uns schon ewig, ich habe über ein Jahr jedes Wochenende bei Michi verbracht, Winny ist meiner ältesten und besten Freunde, wir fuhren seit Jahren gemeinsam auf Festivals, Konzerte und in den Urlaub - mit Wolfi aber hatte keiner von uns wirklich viel zu tun (was heute gottseidank anders ist: Er bringt sich persönlich sehr stark in die Band ein, er geht regelmäßig mit zum Feiern, Holli und er fahren gemeinsam in den Urlaub und Wolfis Geburtstags-Winterpartys sind legendär). Das lag womöglich am damals noch ziemlich krass merkbaren Altersunterschied von sieben Jahren (Er hieß damals bei uns "der Henson", denn damals gab es eine Band namens "The Hensons", die aus drei Brüdern bestand, keiner älter als 15 und der Schlagzeuger war, glaub ich, Eins.), womöglich an seiner komischen damaligen Freundin, womöglich an unserer Unlust oder unserer Unfähigkeit, Wolfis Angebote zum gemeinsamen Freizeitvertrieb zu verstehen oder anzunehmen, ich weiß es nicht. Vielleicht lag es an allem, vielleicht an etwas anderem, jedenfalls hatte sich das Thema "Wolfi" bei uns sehr schnell verselbständigt. Und Mitte 1999 war bei uns der Gedanke zu einer fixen Idee geworden: Wir müssen uns von Wolfi trennen.

Ein Ersatz war schnell gefunden: Michi schlug den Sänger seiner alten Zweitband "Silent Mind" vor - Great. Great ist ein sehr lieber Kerl, immer für jeden Spaß zu haben und erschien uns damals als die wesentlich bessere Alternative zum oft ein wenig spröden und dickköpfigen Wolfi. Sein Schlagzeugspiel kannten wir damals noch nicht, aber, wo soll dabei das Problem sein, dachten wir uns. Das hat man sich doch mit ein bisschen musikalischem Talent in einem halben Jahr draufgeschafft und wir können spätestens 2000 so richtig durchstarten. Dachten wir.

Also sagten wir eines Abends den komplett unvorbereiteten Wolfi, das wir uns von ihm trennen wollen. Er war wie vor den Kopf geschlagen und räumte, berechtigterweise ziemlich angepisst, das Feld. Er erzählte uns nachher, er konnte das Ganze niemals so wirklich verstehen, war natürlich stocksauer und hatte damals sogar vor lauter Wut seinen Namen aus der Getränkeliste mit einer Schere rausgeschnitten. Heute sagt er darüber "Tja, da hat wohl die Freude an der Musik bei Euch ein bisschen nachgelassen. Und frei nach dem Motto: Warum sich selbst einen Arschtritt verpassen, wenn es bei einem anderen nicht so weh tut! flog ich halt raus. Somit war ich der Schuldige am schlechten Bandgefühl. Hab damals auch gesagt, ich hätte nach der langen Zeit in der Band wenigstens einen Grund dafür verdient, aber auf das warum standen da nur drei Männer wie Tele Tubbies vor der Quantenphysikabschlussprüfung." - Tja, da hat er nicht unrecht, der Wolfi. Es hat uns keinen Spaß mehr gemacht, wir wollten was ändern und entschieden uns für die leichteste Lösung. Es war wahrlich kein Ruhmesblatt für uns.

Wir hatten jedenfalls unseren Willen und luden Great ein, mit uns zu spielen. Der kam auch bald vorbei, stellte sein Set in den Übungsraum und uns flog ziemlich schnell die Kinnlade nach unten, denn, das was Wolfi gemacht hat, war plötzlich doch nicht so einfach und schnell zu lernen. Er war damals schon ganz schön schnell auf seiner Doublebass, so dass es für andere Schlagzeuger sehr schwer nachzuvollziehen war. Zumal für einen relativen Anfänger am Schlagzeug, wie es Great war. Eigentlich war er nämlich Sänger, und zwar ein richtig guter, dessen Stimme wegen falscher Gesangstechnik irgendwann nicht mehr mitmachte. Ich steh aber immer noch auf seine Gesangsline bei der Hammernummer "Bitch from B.A.", ein saugeiler Song von Silent Mind über eine Politesse aus Bad Aibling. Geile Lyrics (SOD-Like), schöne Lines, wütender Gesang - perfekt! Aber ein guter Schlagzeuger war Great noch lange nicht. Womöglich hätte es sogar hingehauen mit ihm, wir probten auch noch vier Mal mit ihm, aber bei mir kam zu dem Zeitpunkt dazu, dass meine 50%-Stelle in Regensburg im Oktober 1999 zu einer 100%-Stelle aufgestockt wurde und ich damit komplett nach Regensburg ziehen musste. Damit war es sehr schwer, jede Woche 200 km einfach zum Proben zu fahren und ich hatte, ehrlich gesagt, auch keine Lust drauf, wieder mal von vorne anzufangen, zumal ich mir in Regensburg zu dem Zeitpunkt eine neue Besetzung für mein Band Models Inc. zusammensuchte.

Models Inc. ist ein Projekt von mir, welches ich in schönster Regelmäßigkeit alle paar Jahre mal aus der Taufe hebe, wenn ich musikalisch unausgelastet bin. Da ich Dreimannbands liebe, weil man da den Lärm ein wenig durchsichtiger gestalten kann und jeder Musiker deutlich mehr machen und vor allem freier improvisieren kann, macht es einfach Spaß. Zumal ich bei Phantom Lord noch nicht wirklich viel zum Singen und Songwriten kam, also wollte ich meine eigenen Songs schreiben und die Dinger auch gleich selbst singen. In der Regensburger Bestzung hatte ich auch noch dazu zwei geniale Musiker gefunden, die ihr Handwerk absolut verstanden: Am Schlagzeug saß Berthold, ein absolut präziser und vielschichtiger Schlagzeuger mit einer wahnsinnigen HiHat-Arbeit (ich stehe halt auf gute HiHat-Arbeit), der so ziemlich alles spielen konnte, was ohne Doublebass auskam. An der Gitarre spielte Tom, dessen musikalisches Vorbild unüberhörbar The Edge von U2 war, der aber auch einen kernigen Kanten spielen konnte (und wollte), wen der Song danach schrie. Wir probten damals jede Woche im Gusthof von Gloria von Thurn und Taxis, schrieben gute Songs und hatten unseren Spaß. Und ich hatte endlich mal meinen Liveauftritt, nach dem mir gelüstete: Wir spielten in München auf einer Studentenfeier vor 500 Leuten, die alle ihren Spaß mit uns hatten. Die Aufnahme dieses Gigs hüte ich heute noch wie einen Augapfel und höre sie mindesten einmal im Jahr an. Echte Gänsehaut. Wäre Berthold damals nicht nach Berlin gezogen, bin ich sicher, dass wir heute noch in dieser Besetzung Musik machen würden, aber leider war die Magie dieser Besetzung nur sehr schwer zu wiederholen und Tom und ich beschlossen, uns wieder anderen Projekten zuzuwenden. Dennoch: Die zwei Jahre Models Inc. in Regensburg möchte ich nicht missen. Ich lernte damals viel über Songwriting, Arrangements und Texten, was ich heute bei Phantom Lord prima einbringen kann.

Zurück ins Jahr 1999. Ich beschloss also, bei Phantom Lord erstmal eine Pause einzulegen, und begründete dies mit meinem Umzug nach Regensburg, denn damals hatte ich mir in Regensburg eine Freundin zugelegt und wollte einfach nicht jedes Wochenende in meine Heimat abhauen. Michi war, was ich erst später erfuhr, zu diesem Zeitpunkt ziemlich ausgebrannt und hatte keine Lust mehr, mit Winny und Great den Neuanfang einzuleiten, also legte er ebenfalls eine Pause ein, wir lösten den Übungsrum in Michis Keller auf und ließen Winny alleine zurück.

Die Zeit dazwischen hat Winny ja schon genug beschrieben. Ich machte in Regensburg meinen Stiefel weiter, gab irgendwann meine Doktorarbeit ab, richtete mich da oben schön kommod ein und wurde rund 20 Kilo schwerer. Ein Außenstehender würde über mich in dieser Zeit sagen: Irgendwas fehlt dem doch, und der hätte damals nicht ganz unrecht: Mir fehlte der echte Metal, handgemacht und roh runtergezimmert, mir fehlten die regelmäßigen Übungsraum-Dampfplaudereien (bei Models Inc. ging es deutlich gesitteter zu, denn da war ich der angehende Doc und die anderen "nur" Studenten, was dazu führte, dass die Jungs niemals so richtig aus sich rausgingen, obwohl, wer mich kennt, der weiß, dass ich nie meinen Doc raushängen lasse. Aber es war immer so eine kleine, unsichtbare Barriere für die beiden da, die natürlich den Spaß etwas minderten.), mir fehlte insgesamt die wöchentliche Dosis Blödsinn, Metal, Geschrei, Krach, Saublöddaherreden und Erdung, wie man sie nur bei Phantom Lord bekommt. Damit war ich nicht komplett und füllte die Leere mit Fressen. Scheiße.

De paar Male, die ich in dieser Zeit nach Rosenheim fuhr, ließ ich am Steuer meines Wagens immer einen hörbaren Seufzer, wenn ich an Vogtareuth vorbeikam und mir wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, das Ganze wieder beginnen zu lassen. Diese Möglichkeit kam im Herbst 2002.

Mein Regensburger Vertrag endete im September 2002, ich hätte zwar noch ein Jahr verlängern können, dann wäre aber endgültig Schluss gewesen, also bewarb ich mich auf eine freigewordene Stelle in München, die eigentlich so richtig keiner wollte, da man auf dieser Stelle die vielgehasste Statistikvorlesung halten musste, was ziemlichen Stress bedeuten kann, vor allem, wenn die Studenten merken, dass man selbst keine so richtige Lust auf diesen Kram hat. Bei mir war das anders, ich wollte diese Vorlesung unbedingt halten, ich finde Statistik und diese Vorlesung ziemlich klasse und habe als Musiker natürlich kein Problem damit, eine Veranstaltung vor 400 Studenten zu halten. Also zog ich im Oktober 2002 wieder zurück nach München und damit wieder deutlich näher an Rosenheim heran. Es konnte also wieder beginnen. Am 13. September 2002, das Datum weiß ich deswegen noch so gut, weil es Evis Geburtstag ist, dachte ich mir: Jetzt fahr ich schon zum zehnten Mal nahe an Winnys Wohnung vorbei, ohne dass ich mich melde, jetzt reicht's! Vielleicht geht ja wieder was. Also hielt ich an dem Waldparkplatz zwischen Holzhausen und Vogtareuth meinen Wagen an und wählte Winnys Telefonnummer. Der freute sich natürlich und sagte mir, ich solle gefälligst sofort meinen Hintern zu ihm rüberschwingen. Dort lachte er sich erstmal einen Ast über meine neue Körperform und erzählte mir, dass er gemeinsam mit Wolfi und Evis Lehrbubem, dem Holli, Phantom Lord bei ihm im Übungskeller wieder auf die Beine gestellt hat. Ich meinte nur: hast schon einen Bassisten? Nein? Also: Halt mir die Bassistenstelle frei. Ich zieh in zwei Wochen nach München und will wieder mitmachen.

So konnte es wieder losgehen. Wir trafen uns jeden Donnerstag und ich lernte sehr schnell die neuen Nummern wie Nyarlatothep oder die vielen Covernummern kennen, die die Jungs damals gemeinsam erarbeiteten. Viele davon spielen wir heute noch. Holli war mit seinen damals siebzehn Jahren ein braver, zurückhaltender Bursche mit kurzen Jahren, der aber gut Gitarre spielte und auch mal einen blöden Spruch abkonnte. Vor allem seine Akkustikfähigkeiten überzeugten mich schnell, außerdem spielte er Michis Solos ziemlich sauber nach, so dass der Sound schon wieder fast wie früher klang. Trotzdem fehlte Michi natürlich, sein Gitarrensound ist sehr eigen und trägt ein gutes Stück zum Gesamtsound von Phantom Lord mit bei. Man merkt ja auch heute, was fehlt, wenn einer von den beiden beim Proben fehlt: Unser Sound ist plötzlich ganz anders, es hört sich irgendwie komisch an und man merkt deutlich, dass irgendwas nicht stimmt. Unsere beiden Gitarrenhelden sind zwar richtige Zicken, die sich auch mal gerne zwei Stunden über einen einzigen Halbton streiten können, das Endergebnis ist aber immer positiv und überzeugend.

Winny rief also irgendwann beim Michi an und lud ihn zum Proben ein. Der kam auch gleich vorbei, sah aus wie immer, setzte sich auf einen Stuhl und sah Holli ziemlich bedröppelt dabei zu, wie der seine Solos nachspielt. Nach zwei weiteren Wochen und zwei weiteren Besuchen im Proberaum war er weichgekocht und spielte wieder mit. Damit waren wir wieder komplett.

Für Holli war es natürlich ziemlich schwer, plötzlich einen musikalischen Gegenpart zu haben, der ihm gitarremäßig in manchen Bereichen deutlich was vormachen kann. In einer schwachen Stunde sagte er mir damals mal, er fühle sich noch nicht so richtig wohl, denn wenn er uns vier beim Discharge-Spielen zuhört, erkennt er den wahren Phantom Lord-Sound und fühlt sich fehl am Platze. Wie gesagt: Das war früher und ich rückte seinen Kopf auch schnell wieder gerade. Denn damals wie heute ist Holli nicht mehr wegzudenken. Er und Michi ergänzen sich zu einer beeindruckenden Gitarrenwand, spielen sich gegenseitig die Bälle zu und prägen beide gemeinsam unseren Nach-2002er Sound in einer Qualität, dass man die Zeit vorher nur als Aufwärmphase bezeichnen kann. und Winny kann jetzt endlich auch öfter mal seine Gitarre in die Ecke stellen und sich auf das konzentrieren, was er am Besten kann: Auf's Singen. Außerdem ist Holli ein echter Freizeitbär, der uns alte Säcke wieder auf die Piste oder auf Festivals holt, Spaß und Schwachfug beim Proben verbreitet und natürlich sehr eindrucksvoll seine Gitarre schwingt. Erst durch den Einstieg von Holli wurden wir zu dem, was wir heute sind, das ist Fakt.

Wenn ich mir die Live-Videos von 1999 und von 2003, kurz nach der Wiedervereinigung ansehe, stelle ich fest, dass wir in den drei Jahren Pause, ohne, das wir miteinander geprobt hatten, einen wahnsinnigen Sprung nach vorne getan haben. Wir sind damals auf einem Niveau wieder zusammen gekommen, das mehrere Stufen über dem lag, zu dem wir die Pause eingelegt hatten. Woran das liegt, weiß ich nicht, ich vermute aber, dass wir in den drei Jahren unseren musikalischen Horizont deutlich erweitert haben, dass in diesen Jahren der Metal insgesamt einen riesigen Qualitätssprung gemacht hat, der uns frische Impulse gab, dass wir uns nicht mehr so wichtig nahmen oder dass wir einfach als Menschen deutlich reifer wurden - immerhin wurden Michi und Winny in der Zeit Väter und einige andere Dinge plötzlich viel wichtiger. Hätten wir damals die Pause nicht eingelegt, würden wir heute vielleicht gar nicht mehr zusammenspielen...

Die ersten Konzerte nach der Pause zeigten jedenfalls sehr schnell, dass die alte Phantom Lordische Magie noch größer und gewaltiger zurückgekehrt ist. Es sollte wieder los gehen, besser als je zuvor. Nichts desto trotz passierten uns auch in der Neuzeit viele lustige Geschichten, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen...

Bild von Winny

Endlich ma wieder wat neuet zu Lesen! sehr geil dat janze, ich überleg mir auch gerade, über welches Thema ich denn die nächsten Buchseiten schreiben könnte.

Den Bericht über die Aufnahme zu Rules solltest wohl am besten du schreiben, weil du ja am meisten damit zu tun hattest und am besten darüber bescheid weißt was alles an Unsinn abgelaufen ist.

see you Friday

Bild von Toml

Hi Winny,

ja, Rules mach ich gern. Wir haben ja noch die Blackout-Gigs (drei an der Zahl), die ich Dich zu übernehmen bitte, Du bliebst ja immer länger da und hattest ja als einziger von uns das lustige Erlebnis mit dem singenden Holli. (Übrigens hätte uns Traudl am Samstag wiederum bald rausgeschmissen um 5 Uhr früh als das Licht anging und wir die Gelegenheit nutzten The Lord of the Ring zu singen...) Dann noch die Hammer- und Inntalhalle-Gigs, Wolfis Feier und Thal, wobei wir letztere vielleicht zusammenfassen könnten. Was meinst? Was magst haben? Mir ist's wurst.

Stay healing,

Toml

Bild von Winny

Tja, die Überschrift sagt schon viel über die Erinnerungsfetzen, die von den Durchzechten Nächten noch in meinem Gehirn zurückgeblieben sind. Ich blieb immer länger da, wie du ja so richtig bemerktest, aber das bedeutet auch, das ich mir dementsprechend mehr Ballerbrühe in den Hals geschüttet habe. Und fast immer landete ich irgendwann am Tresen und so ein vermaledeiter Würfelbecher stand gelangweilt in der Gegend herum.

Leider wird im Blackout, vor allem von der Traudel, bevorzugt ein "scharfer" Chicago gespielt, das bedeutet  nicht zwei von drei, wie man es üblicherweise Spielt, sondern jedes Spiel zählt! das bedeutet, das man nach kürzester Zeit mit dem Saufen nicht mehr nachkommt. Nun bin ich normalerweise schon ziemlich Trinkfest, doch auch meine Kondition in dieser Beziehung hat seine Grenzen, vor allem weil ich bei weitem nicht mehr so im Training bin wie früher. Was die Rekapitulation der Ereignisse natürlich ein klein wenig  erschwert.

Der recht nette Nebeneffekt von so viel Schmackhafter Alkoholika besteht leider immer darin, das man am nächsten Tag mit einem Schädel wie ein Bienenstock, auf den jemand 10 Minuten mit einem Prügel eingeschlagen hat, Aufwacht, und sich Irritiert fragt: Wo bin Ich? und was zum Teufel habe ich gestern wieder alles gemacht? und man hat einen Geschmack im Mund der einen auf die Frage bringt: Welches Tier ist in meinen Mund gekrochen und dort drin Gestorben? Man kennt das ja! Darum sollten wir die Ereignisse noch mal gründlich Besprechen, und die Erinnerungsfetzen in eine Temporal stimmige Reihenfolge bringen, und die Lücken ergänzen, bevor ich mit dem Schreiben beginne.

Und ein paar Geschichten könnte auch einer von den Anderen schreiben, die waren ja auch mit dabei.

Oder wie es der Daxei immer so treffend formuliert: hob i mi gestern wieda recht aufgfürt? i woaß nimma!